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Full text of "Die Evolution vom Gesichtspunkte des Wahrhaftigen"

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 

Die Evolution vom 
Gesichtspunkte des Wahrhaftigen 

Fiinf Vortrage gehalten in Berlin 
vom 31. Oktober bis 5. Dezember 1911 



1999 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Caroline Wispier 



1. Auflage (Zyklus 35, mit 23. Okt. 1911) 

Berlin o. J. (1916) 

2. Auflage (in Buchform) Dornach 1932 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1958 

4., durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1969 

5. Auflage, mit neuen Nachschriften verglichen 
Gesamtausgabe Dornach 1979 

6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1987 

7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1999 



Bibliographie-Nr. 132 

Einbandgestaltung von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1987 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1320-4 



Z# den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie- 
dert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - 
Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, dajR seine frei gehal- 
tenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mit- 
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft - schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als «mund- 
liche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. 
Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer- 
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran- 
lafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er 
Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
fierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur 
in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigiert hat, 
raufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt 
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden 
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich 
Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst- 
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen 
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge- 
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be- 
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Berlin, 31. Oktober 1911 9 

Das Hereinwirken der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit in die heutige 
Zeit. Furcht und Schauder beim Anblick des alten Saturn vor der unend- 
lichen Leere und ihre Uberwindung durch innere Festigkeit und Sicher- 
heit. Eine Ahnung davon bei Karl Rosenkranz. Christus-Verstandnis 
oder Anthroposophie als notwendige Stiitzen zum Ertragen der schau- 
ervollen Leere des Saturn. - Die Geister des Willens als aus Mut beste- 
hende Wesenheiten ira wogenden Geistmeere. Die Zeit- und Raum- 
losigkeit des Saturn. Das Aufglimmen der Weisheit der Cherubim, 
denen die Geister des Willens ihre Wesenheit hinopfern. Das Entstehen 
der Zeit durch ihr Opfer und die Geburt der Zeitgeister. Alle Warme, 
auch die heutige, als Wirkung dieses Opfers. Die Imagination: Die vor 
den Cherubim in mutartiger Eingebung knienden Geister des Willens, 
die flammende Warme hinaufopfernd und davon ausgehend die Ent- 
stehung der Zeitgeister. - Die Unmoglichkeit, durch verstandesmafiige 
Philosophic dieses Saturnbild zu verstehen. Das naive Erleben desselben 
durch Jakob Bohme. Albert Schwegler. 

Zweiter Vortrag, Berlin, 7. November 1911 24 

Warme als physischer Ausdruck von Opferseligkeit. Luft und Licht, 
auf der Sonne hinzutretend, als aufiere Offenbarung der Geister der 
Weisheit, die im hingebungsvollen Anblick der Opfertaten der Thro- 
ne ihr Wesen gnadevoll ins Weltall ergielSen. Die Imagination: Im 
Mittelpunkt die Imagination des Saturn, darum der Reigen der Geister 
der Weisheit, das Opfer der Throne in ihrer Hingabe in Opferrauch 
verwandelnd - Luft - aus dem am inneren Rand der Sonnenkugel die 
Erzengel entstehen, die die Gabe der Geister der Weisheit ihnen in 
Licht verwandelt zuriickstrahlen. Die Entstehung des Raumes in die- 
sem Innen-Aufien aus dem Friiher-Spater. Die Erzengel als Bewahrer 
des Friiheren als Boten des Urbeginnes. - Das Auf-die-Erde-Bringen 
aller dieser Krafte durch den Christus; das «Abendmahl» von Leonar- 
do als wahrer Ausdruck davon. 

Dritter Vortrag, Berlin, 14. November 1911 41 

Die Wirklichkeit der Warme als Opfer, die der Luft als schenkende 
Tugend. Die Resignation als geistige Tugend: Verzicht eines Teils der 
Cherubim auf die Aufnahme des Opfers der Geister des Willens. 
Entstehung einer Ringwolke im Inneren der Sonne durch das Begeg- 
nen des aufsteigenden und des zuriickgestauten Opfers. Das Erringen 
der Zeitlosigkeit, der Ewigkeit durch die resignierenden Cherubim. 
Die Entstehung des Wassers durch ihre Resignation. Das Ergreifen 



der zuriickgewiesenen Opfersubstanz durch die luziferischen Wesen 
und der dadurch entstehende Widerstand, das Bose. Opferung des 
Isaak als Bild der Resignation Gottes auf das Opfer. Leonardos 
«Abendmahl» als Bild des Verzichtes des Christus durch die Aufnah- 
me des Judas in den Kreis der Apostel. Die vom Betrachter unbewulk 
aufgenommene Wahrheit dieses Bildes. 

Vierter Vortrag, Berlin, 21. November 1911 59 

Das Entstehen der Sehnsucht in den Geistern des Willens, auf deren 
Opfer die Cherubim verzichten. Der sich nicht ausleben konnende 
Wille. Das Aufblitzen der Egoitat durch diesen zuriickgehaltenen 
Willen. Das Auftreten der Geister der Bewegung, die Veranderung ins 
Weltall bringen. Die teilweise Stillung der Sehnsucht der Geister des 
Willens durch die wechselnden Bilder, die an sie herangebracht wer- 
den. - Das Heraufschlagen dieser Sehnsucht aus unserem Unterbe- 
wulksein und ihre Befriedigung durch die Geisteswissenschaft. Hein- 
rich von Kleist als Opfer dieser noch nicht befriedigten Sehnsucht. 

Funfter Vortrag, Berlin, 5. Dezember 1911 76 

Das Auffinden des Wahrhaftigen hinter den aufteren Welterscheinun- 
gen durch den Blick auf Eigenschaften der eigenen Seele. Das gesunde 
Wissen, eingerahmt von Staunen und Beseligung iiber das geloste 
Ratsel. Der melancholische Charakter des alten Mondes durch die 
zuriickgewiesenen Opfer der Geister des Willens. Kain und Abel. Die 
Entfremdung der Opfersubstanz von ihrem Ursprung bei ihrem Zu- 
riickstromen zu den Geistern des Willens: Der Tod. Aller Tod als 
Ausgeschlossenwerden einer Weltensubstanz von ihrem eigentlichen 
Sinn. Der Tod als das einzige Wahrhaftige innerhalb der Welt der 
Maja. Der «Tod» bei Mineral, Pflanze und Tier. Die Entwicklung des 
Ich-Bewufitseins auf der Erde durch die Tatsache des Todes beim 
Menschen. Die Besiegung des Todes durch Christus, die kein geistiges 
Urbild hat, sondern nur auf der Erde geschehen konnte. Das Erringen 
des Verstandnisses des Mysteriums von Golgatha nur auf der Erde 
moglich. Paulus vor Damaskus und das Aufleben dieses Ereignisses in 
immer mehr Menschen von der Gegenwart an. - Das Verhaltnis der 
Wissenschaft zur Wahrheit. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe . 97 

Hinweise zum Text 98 

Personenregister 100 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 101 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 103 



ERSTER VORTRAG 



Berlin, 31. Oktober 1911 



Wenn wir in den Betrachtungen, welche wir im vorigen Jahre in unse- 
ren Zweigabenden gepflogen haben, fortfahren wollen, so ist es not- 
wendig, daft wir uns noch einige andere Begriffe, Vorstellungen, An- 
schauungen aneignen, als die sind, von denen bisher gesprochen worden 
ist. Wir wissen, daft wir gar nicht auskommen konnten mit dem, was 
wir iiber die Evangelien und sonstige geistige Dokumente der Mensch- 
heit zu sagen haben, wenn wir nicht vorausgesetzt hatten jene Ent- 
wickelung unseres ganzen Weltsystems, die wir da bezeichnen als die 
Verkorperungen unseres Planeten selber durch das Saturndasein, durch 
das Sonnendasein, das Mondendasein, bis herauf zum gegenwartigen 
Erdendasein. Wer sich zuriickerinnert, wie oft an diese Grundvorstel- 
lungen angekniipft werden muftte, der weift, wie notwendig fiir alle 
okkulte Betrachtung der Menschheitsentwickelung diese Grundvorstel- 
lungen eben sind. Wenn Sie nun die Angaben sich einmal ansehen, wel- 
che zum Beispiel in der «Geheimwissenschaft im Umrift» gegeben sind 
iiber die Saturn-, Sonnen- und Mondentwickelung bis zur Erdentwicke- 
lung herein, so werden Sie sich gestehen, daft es sich dabei - und selbst, 
wenn es noch viel ausfiihrlicher ware, konnte es nicht anders sein - nur 
um eine Skizze handeln kann, nur um Angaben, die von einer gewissen 
Seite, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, gemacht werden konnen. 
Denn wie das Erdendasein eine unendliche Fiille von Einzelheiten bietet, 
so ist es ganz selbstverstandlich, daft wir auch fiir das Saturn-, Sonnen- 
und Monddasein eine unendliche Reihe von Einzelheiten zu verzeichnen 
haben, und daft immer nur eine ganz grobe Kohlezeichnung, eine Art 
Umrift, gegeben werden kann. Fiir uns ist aber eine Charakteristik der 
Evolution noch von einer anderen Seite aus notwendig. 

Wenn wir uns fragen: Woher stammen alle die Angaben, die da ge- 
macht worden sind? - so wissen wir, daft sie von den sogenannten Ein- 
tragungen in die Akasha-Chronik stammen. Wir wissen, daft das, was 
einmal geschehen ist oder vorgeht im Verlaufe der Weltentwickelung, 
gewissermaften zu lesen ist wie durch eine Eintragung in eine feine 



geistige Substanz, in die Akasha-Substanz. Von allem, was sich abgespielt 
hat, gibt es eine solche Eintragung, aus welcher entnommen werden 
kann, wie die Dinge einmal waren. Nun werden wir natiirlich annehmen 
konnen, daft, ebenso wie dem gewohnlichen Blick, der irgend etwas 
von unserer physischen Welt iiberblickt, die Dinge, die in der Nahe 
sind, in ihren Einzelheiten mehr oder weniger klar und deutlich, und 
je weker sie entfernt sind, mehr oder weniger unklar und undeutlich 
erscheinen, so werden auch die Dinge, die zeitlich in unserer Nahe sind, 
die der Erden- oder der Mondentwickelung angehoren, sich genauer 
angeben lassen; wogegen die Dinge, die zeitlich weiter entfernt sind, 
undeutlichere Umrisse bekommen, so zum Beispiel, wenn wir in das 
Saturn- oder Sonnendasein hellseherisch zuriickblicken. 

Warum tun wir das iiberhaupt, daft wir einen gewissen Wert darauf 
legen, so weit hinter uns liegende Zeitraume zu verfolgen? Es konnte 
ja jemand sagen: Wozu bringen diese Anthroposophen allerlei so uralte 
Dinge heute noch zur Sprache? Man braucht sich doch in der Welt nicht 
um diese ururalten Dinge zu kummern, denn man hat doch geniigend 
zu tun mit dem, was gegenwartig vorgeht. 

Es ware sehr unrichtig, so zu sprechen. Denn, was einmal vorgegan- 
gen ist, das vollzieht sich heute noch fortwahrend. Was in der Saturn- 
zeit sich abgespielt hat, das ist nicht bloft dazumal gewesen, sondern 
das geht heute noch vor, nur wird es iiberdeckt, unsichtbar gemacht 
durch das, was heute aufterlich um den Menschen auf dem physischen 
Plan ist. Und recht, recht stark unsichtbar wird gerade das alte Saturn- 
dasein gemacht, das vor so langer Zeit sich abgespielt hat. Aber es geht 
den Menschen noch etwas an, heute noch, das alte Saturndasein. Und 
um uns eine Vorstellung zu machen, wie es uns angeht, wollen wir uns 
folgendes vor die Seele stellen. 

Wir wissen, daft der innerste Kern unseres Wesens uns entgegentritt 
als das, was wir unser «Ich» nennen. Dieses Ich, der innerste Kern 
unseres Wesens, ist wahrhaftig fur den heutigen Menschen eine recht 
iibersinnliche, eine recht unwahrnehmbare Wesenheit. Wie unwahrnehm- 
bar sie ist, kann schon daraus geschlossen werden, daft es heute See- 
lenlehren gibt, die sogenannten offiziellen Psychologien, die iiber- 
haupt keine Ahnung mehr davon haben, worin das Wesen dieses Ich 



besteht, die keine Ahnung haben sogar, daft auf ein solches Ich hinzu- 
deuten ist. 

Ich habe schon ofter darauf aufmerksam gemacht, daft sich nach und 
nach im 19. Jahrhundert in der deutschen Psychologie der schone Aus- 
druck herausgebildet hat «Seelenlehre ohne Seele». Namentlich war 
tonangebend fiir diese «Seelenlehre ohne Seele» - obwohl das Wort 
nicht von ihr gepragt worden ist - die heute weltberiihmte Schule 
Wundts, die ja nicht bloft in den deutschen Landen ausschlaggebend ist, 
sondern die iiberall, wo von Psychologie geredet wird, mit groften 
Ehren genannt wird. «Seelenlehre ohne Seele» konnte man so ausdriik- 
ken: eine Beschreibung der seelischen Eigenschaften, ohne auf ein selb- 
standiges Seelenwesen Riicksicht zu nehmen, in dem sich alle Eigen- 
schaften der Seele erst sammeln in einer Art von Brennpunkt, sich ver- 
sammeln im Ich. - Das ist der groftte Unsinn, der iiberhaupt in die 
Seelenlehre hineingeschleudert worden ist, man kann sich einen grofte- 
ren Unsinn gar nicht denken; dennoch steht die heutige Psychologie 
ganz unter dem Eindruck dieses Unsinns. Und diese «Seelenlehre ohne 
Seele» ist heute in der ganzen Welt beriihmt. Kunftige Kulturgeschichts- 
schreiber unserer Zeit werden viel zu tun haben, wenn sie es unseren 
Nachkommen einigermaften plausibel machen wollen, wie so etwas 
iiberhaupt moglich war, daft im 19. Jahrhundert und weit ins 20. hin- 
ein so etwas als die groftte Leistung auf psychologischem Gebiete ange- 
staunt worden ist. Das alles soil nur gesagt werden, um anzudeuten, 
wie unklar sich gerade die offizielle Psychologie iiber das Ich ist, den 
Mittelpunkt des menschlichen Wesens. 

Wenn man das Ich in seiner wahren Wesenheit erfassen und so vor 
sich hinstellen konnte wie den aufteren physischen Leib, und wenn man 
die Umgebung, von der das Ich so abhangt, wie der physische Leib 
von dem abhangt, was von auften durch die Augen gesehen, durch die 
Sinne sonst wahrgenommen werden kann, wenn man ebenso die Um- 
gebung des Ich suchen konnte, wie man im physischen Reich die Um- 
gebung in den Wolken, Bergen und so weiter hat - wenn man das 
ebenso suchen wollte fiir das Ich, wovon das Ich abhangt, wie zum 
Beispiel der physische Leib abhangt von seinen Nahrungsmitteln — , 
so kame man zu einer Weltcharakteristik, zu einem Weltentableau, 



heute noch, das gleichsam impragniert unsere sonstige Umgebung, un- 
sichtbar drinnensteckt und das gleich ist dem Weltentableau des alten 
Saturn. Das heifk, wer das Ich in seiner Welt kennenlernen will, der 
muS sich eine solche Welt vor Augen stellen konnen, wie die alte 
Saturnwelt war. Diese Welt ist verdeckt, ist eine iibersinnliche Welt fur 
den Menschen. Der Mensch konnte sie auch in dem heutigen Grade 
seiner Entwickelung durchaus nicht ertragen. Sie ist ihm durch den 
Hiiter der Schwelle zugedeckt, damit sie zunachst vor ihm verborgen 
bleibe, und es gehort ein gewisser Grad spiritueller Entwickelung dazu, 
um einen solchen Anblick aushalten zu konnen. 

Es ist ja in der Tat ein Anblick, an den man sich erst gewohnen mufi. 
Sie miissen sich vor alien Dingen von alledem eine Vorstellung machen, 
was notwendig ist, um iiberhaupt dahin zu kommen, ein solches Welten- 
tableau als etwas Wirkliches noch empfinden zu konnen. Alles, was Sie 
mit den Sinnen wahrnehmen konnen, miiftten Sie sich wegdenken aus 
der Welt, muftten sich auch fortdenken Ihre Innenwelt, insofern die- 
selbe aus den gewohnlichen Gemiitsbewegungen des Menschen besteht; 
miifken sich weiter wegdenken von dem, was in der Welt ist, auch 
alles, was Vorstellungen sind im Menschen. Also von der Auftenwelt 
mtilken Sie alles wegnehmen, was Sinne wahrnehmen konnen, und vom 
Inneren alles, was Gemiitsbewegungen, Vorstellungen sind. Und wenn 
Sie jetzt von jener Seelenverfassung sich einen Begriff machen wollen, 
in die der Mensch kommen muft, wenn er den Gedanken real falk: 
Alles das ware weggeschafft, aber der Mensch ware noch da -, dann 
kann man nicht anders sagen als, der Mensch mufi lernen, Schauder, 
Furcht empfinden zu konnen vor der unendlichen Leere, die sich da 
auftut um uns herum. Man muE gleichsam seine Umgebung empfinden 
konnen wie ganz und gar gesattigt, tingiert mit dem, was uns von alien 
Seiten Schauder, Furcht erregt, und muft zu gleicher Zeit in der Lage 
sein, diese Furcht durch innere Festigkeit und Sicherheit seines Wesens 
iiberwinden zu konnen. Ohne diese zwei Gemutsstimmungen, Schauder 
und Furcht vor der unendlichen Leere des Daseins und der Uberwin- 
dung dieser Furcht, kann man iiberhaupt gar keine Ahnung empfinden 
von dem, was unserem Weltendasein als das alte Saturndasein zugrunde 
liegt. 



Beide Empfindungen, wie sie jetzt charakterisiert worden sind, kul- 
tivieren ja die Menschen wenig bei sich selber. Daher findet man sogar 
in der Literatur wenig Beschreibungen von diesem Zustand. Es kennen 
diesen Zustand natiirlich die, welche durch hellseherische Krafte den 
Dingen auf den Grund zu gehen versuchten im Laufe der Zeiten. Aber 
in der aufteren Literatur, der geschriebenen oder gedruckten, finden 
sich nur wenig Angaben dariiber, daft Menschen so etwas empfunden 
haben wie das Schaudern vor der unendlichen Leere oder gar die Uber- 
windung dieses Schauderns. Um eine Art aufteren Einblick in die Sache 
zu haben, versuchte ich ein wenig nachzugehen in der jungeren Litera- 
tur, wo so etwas auftreten konnte wie dieses Schaudern vor der uner- . 
meftlichen Leere in einem Menschen. Die Philosophen sind ja gewohn- 
lich ungeheuer klug, reden in ihren Begriffen abgeklart und vermeiden 
es, von den groften, imponierenden Eindriicken zu sprechen. Dort 
findet man nicht so leicht etwas dariiber. Nun will ich nicht davon 
sprechen, wo ich uberall nichts gefunden habe. Aber einmal habe ich 
doch einen kleinen Anklang an diese Empfindungen gefunden, und zwar 
in dem Tagebuch des Hegelianers Karl Rosenkranz, wo er manchmal 
ganz intime Gefiihle schildert, wie er sie gehabt hat beim Durchleben 
der Hegelschen Philosophic Ich habe auf eine merkwiirdige Stelle stolen 
konnen, die bei ihm so herauskommt wie eine unschuldige Stelle, die 
er in sein Tagebuch fixierte. Karl Rosenkranz macht sich klar, daft die 
Hegelsche Philosophie ausgeht von dem «reinen Sein». Von diesem 
«reinen Sein» Hegels ist viel geschwatzt worden in der philosophischen 
Literatur des 19. Jahrhunderts, aber man mufi sagen, es ist wenig ver- 
standen worden. Man mochte fast sagen, in der Philosophie der zweiten 
Halfte des 19. Jahrhunderts - das kann man natiirlich nur im intimsten 
Kreise sagen! - versteht man von dem «reinen Sein» Hegels soviel wie 
der Ochs vom Sonntag, wenn er die ganze Woche hindurch Gras ge- 
fressen hat. Es ist ein durchgesiebter Begriff , dieses «reine Sein» Hegels - 
nicht das Seiende, sondern das Sein -, es ist ein Begriff, der wahrhaftig 
noch nicht das ist, was ich jetzt charakterisiert habe als die schauervolle, 
Furcht einfloftende Leere, aber es ist der ganze Raum im Hegelschen 
Sein tingiert mit der Eigenschaft, die nichts hat, was vom Menschen 
erlebt werden kann: die Unendlichkeit, mit Sein erfiillt. Und Karl 



Rosenkranz empfindet es einmal wie ein schauervolles Durchschiittelt- 
sein von der Kalte des Weltenraumes, der von nichts erfiillt ist, als vom 
leeren Sein. 

Um zu begreifen, was der Welt zugrunde liegt, geniigt es nicht, daft 
man in Begriffen dariiber redet, sich Begriffe, Ideen davon macht; 
sondern es ist viel notwendiger, daft man sich eine Vorstellung hervor- 
rufen kann von dem Empfinden, das entsteht gegeniiber der unendlichen 
Leere des alten Saturndaseins. Das Gemiit ergreift dann, wenn es nur 
eine Ahnung davon erhalt, das Gefuhl des Schauderns. Wenn man hell- 
seherisch aufsteigen will, damit man dann zum Schauen dieses Saturn- 
zustandes kommt, mufi man sich in der Weise vorbereiten, indem man 
sich in der Tat ein Gefuhl erwirbt, das in gewisser Beziehung ausgeht 
von dem jedem Menschen mehr oder weniger bekannten Gefuhl des 
Schwindels auf hohem Berge, wenn der Mensch iiber einem Abgrunde 
steht und keinen sicheren Boden unter den Fiiften zu haben glaubt; ein 
Gefuhl, daft er an keinem Orte verbleiben konnte, so daft er sich iiber- 
geben fiihlt an Machte, an Krafte, iiber die er keine Macht mehr hat. 
Das ist aber erst das Elementare, das Anfangsgefuhl. Denn man verliert 
nicht nur den Boden unter den Fiiften, sondern auch das, was Augen 
sehen, Ohren horen, Hande greifen konnen, iiberhaupt das, was in der 
raumlichen Umgebung ist; und es kann nicht anders sein, als daft man 
entweder jeden Gedanken verliert, daft man in eine Art von Damme- 
rung oder Schlafzustand verfallt, in dem man auch zu keiner Erkenntnis 
kommen kann; oder aber man lebt sich hinein in jene Empfindung, 
und dann gibt es nichts anderes, als daft man zu jenem Schauerzustande 
kommt. Aber man mufi vorbereitet sein, sonst ist es ein Erfafttwerden 
von einem Schwindelzustand, der nicht besiegt werden kann. 

Nun gibt es zwei Moglichkeiten fur den heutigen Menschen. Die eine 
sichere Moglichkeit ist die, daft jemand die Evangelien verstanden hat, 
das Mysterium von Golgatha verstanden hat. Wer sie wirklich in ihrer 
vollen Tiefe verstanden hat - natiirlich nicht so, wie die modernen 
Theologen heute dariiber reden, sondern so, daft er daraus herausgesogen 
hat das Tiefste, was der Mensch daraus innerlich erfahren kann -, der 
nimmt etwas mit in jene Leere hinein, das sich wie von einem Punkte 
aus vergroftert und die Leere ausfiillt mit etwas, was mutahnlich ist, 



was ein Gefiihl von Mut, von Geborgensein ist durch das Vereintsein 
mit jener Wesenheit, die auf Golgatha das Opfer vollbracht hat. Das 
ist der eine Weg. - Der andere Weg ist der, daft wir ohne die Evangelien 
eindringen in die geistigen Welten, daft wir durch wahre, echte Anthro- 
posophie in die geistigen Welten eindringen. Das kann auch geschehen. 
Sie wissen, daft wir zunachst immer betonen: wir gehen nicht von den 
Evangelien aus, wenn wir das Mysterium von Golgatha betrachten, 
sondern wir kamen dazu auch, wenn es gar keine Evangelien gabe. Das 
hat, bevor das Mysterium von Golgatha geschehen ist, nicht sein kon- 
nen; das ist aber heme der Fall, weil etwas in die Welt gekommen ist 
durch das Mysterium von Golgatha, wodurch der Mensch die geistige 
Welt unmittelbar aus den Impressionen heraus selber begreifen kann. 
Das ist das, was wir das Waken des Heiligen Geistes in der Welt nennen 
konnen, das Waken der Weltgedanken in der Welt. 

Wenn wir eines oder das andere mitnehmen, konnen wir uns nicht 
verlieren und konnen nicht sozusagen abstiirzen in den unendlichen Ab- 
grund, wenn wir der schauervollen Leere zunachst gegeniiberstehen. 
Wenn wir uns nun dieser schauervollen Leere nahern mit den anderen 
Vorbereitungen, welche uns durch die verschiedenen Mittel gegeben 
sind, wie es zum Beispiel in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hohe- 
ren Welten ?» ausgefiihrt ist und in dem, was sich weiter darauf aufbaut, 
und eindringen in die geistige Welt, in eine Welt, aus der alles heraus 
ist, was unser Gemiit erschiittern, was unsere Vorstellung erfassen kann, 
wenn wir uns einleben in diese Welt, dann lernen wir, indem wir uns 
sozusagen einstellen auf das Saturndasein, zunachst Wesenheiten ken- 
nen, jetzt aber nicht etwas, was ahnlich schaut dem Tierreich, Pflanzen- 
reich oder Mineralreich, sondern Wesenheiten - es ist ja eine Welt, in 
der keine Wolken sind, auch kein Licht ist, in der es auch ganz tonlos 
ist -, aber wir lernen kennen Wesenheiten, und zwar jene Wesenheiten 
lernen wir kennen, die in unserer Terminologie genannt werden die 
Geister des Willens oder die Throne. Diese Geister des Willens - sie 
lernen wir gerade so kennen, daft es wie eine richtige Gegenstandlich- 
keit fur uns wird, man konnte sagen: ein wogendes Meer des Mutes. 

Was sich der Mensch zunachst nur vorstellen kann, das wird hell- 
seherisch Gegenwart. Denken Sie sich getaucht in das Meer, aber jetzt 



getaucht als geistiges Wesen, welches sich eins fuhlt mit der Christus- 
Wesenheit, getragen von der Christus-Wesenheit, schwimmend, aber 
jetzt nicht in einem Meere von Wasser, sondern in einem den unend- 
lichen Raum erfiillenden Meere von - es gibt keine andere Bezeichnung 
dafiir - flutendem Mute, flutender Energie! Das ist nicht etwa bloft ein 
gleichgiiltiges, undifferenziertes Meer, sondern alle Moglichkeiten und 
Unterschiedlichkeiten dessen, was man bezeichnen kann mit dem Ge- 
fuhl des Mutes, treten uns da entgegen. Wir lernen kennen Wesenheiten, 
die zwar aus Mut bestehen, die aber sehr wohl spezifiziert sind, die wir, 
wenn sie auch nur aus Mut bestehen, sehr wohl als konkrete Wesen- 
heiten treffen. Es erscheint natiirlich ganz sonderbar, wenn man sagt, 
man treffe Wesenheiten, die ebenso real sind wie der Mensch aus 
Fleisch, und die nicht aus Fleisch, sondern aus Mut bestehen. Aber es 
ist so. Als solche Wesenheiten treffen wir die Geister des Willens, und 
zunachst bezeichnen wir nur das als Saturndasein, was die Geister des 
Willens, die aus Mut bestehen, darstellen; nichts sonst. Das ist zunachst 
Saturn. Das ist eine Welt, von der wir nicht sagen konnten, sie sei eine 
Welt, die kugelformig, sechseckig oder viereckig ist. Alle diese Bestim- 
mungen des Raumes passen nicht darauf, denn es gibt dort nicht die 
Moglichkeit, ein Ende zu finden. Wenn wir noch einmal das Bild vom 
Schwimmen gebrauchen wollen, so konnen wir sagen: es ist nicht ein 
Meer, wo man an eine Oberflache kommen wiirde, sondern nach alien 
Seiten findet man immer Geister des Mutes oder des Willens. 

Ich werde in spateren Vortragen charakterisieren, wie man nicht 
gleich auf einmal zu dieser Sache kommt, ich will jetzt nur dieselbe 
Ordnung einhalten wie friiher: Saturn, Sonne, Mond; denn es ist viel 
besser, wenn man die umgekehrte Richtung einhalt: von der Erde zum 
Saturn, wie es in Wirklichkeit hellseherisch geschieht. - Jetzt charakte- 
risiere ich umgekehrt, das macht aber nichts. 

Das Eigentumliche ist: wenn man sich bis zu diesem Anschauen 
erhoben hat, tritt eines ein, was fur den ungeheuer schwer ist, sich vor- 
zustellen, der sich nicht bemuht, langsam und allmahlich zu solchen 
Vorstellungen zu kommen. Denn es hort etwas auf, was mit dem ge- 
wohnlichen menschlichen Vorstellen so verquickt ist wie nur irgend 
etwas: der Raum hort auf. Es hat keinen Sinn mehr, zu sagen, man 



schwimme oben oder unten, vorn oder hinten, rechts oder links oder 
uberhaupt Raumverhaltnisse anzuwenden. Es hat keinen Sinn bei dem 
alten Saturn; es ist iiberall gleich in dieser Beziehung. Aber das Wich- 
tige ist: wenn man in die ersten Zeiten des Saturndaseins kommt, so 
hort auch die Zeit auf. Es gibt kein Friiher oder Spater mehr. Das ist 
natiirlich fiir den Menschen heute sehr schwer vorzustellen, weil sein 
Vorstellen selbst in der Zeit verflieftt: ein Gedanke ist vor oder nach 
dem anderen. Daft die Zeit aufhort, das ist nun wieder nur durch ein 
Gefiihl zu charakterisieren. Dieses Gefuhl ist wahrhaftig nicht ange- 
nehm. - Denken Sie sich einmal Ihre Vorstellungen erstarrt, so daft 
alles, woran Sie sich erinnern konnen und was Sie sich vornehmen, wie 
zu einem starren Stabe erstarrt, so daft Sie sich festgehalten fiihlen in 
Ihrem Vorstellen und sich nicht mehr riihren konnen. Dann werden 
Sie nicht mehr sagen konnen, Sie haben etwas, was Sie friiher erlebt 
haben, «friiher» erlebt. Sie sind angebunden daran, es ist da, aber es ist 
erstarrt. Die Zeit hort auf, eine Bedeutung zu haben. Sie ist uberhaupt 
nicht mehr da. Deshalb ist es auch ziemlich unsinnig, wenn man fragt: 
Du schilderst da das Saturndasein, das Sonnendasein und so weiter, 
sage doch, was vor dem Saturndasein war! «Vorher» hat da keinen 
Sinn mehr, weil die Zeit aufhort, so daft man auch aufhoren muft mit 
alien Zeitbestimmungen. Es ist wirklich beim alten Saturndasein - in 
einem sehr vergleichsweisen Sinn kann man das sagen - die Welt wie 
mit Brettern verschlagen, indem man mit dem Gedanken stillestehen 
muft. Mit dem Hellsehen auch. Die gewohnlichen Gedanken muft man 
schon lange zuriicklassen, die gehen nicht bis dahin. Bildlich, vergleichs- 
weise ausgedriickt, miiftten Sie sich sagen, daft Ihr Gehirn einfriert. 
Und indem Sie diese Starrheit gewahr werden, wurden Sie ungefahr 
eine Vorstellung haben von dem Bewufttsein, das sich nicht mehr in 
der Zeit abschlieftt. 

Nun wird man, wenn man so weit gekommen ist, eine merkwurdige 
Abwechslung in dem ganzen Bilde gewahr. Es zeigt sich jetzt, daft aus 
der Starrheit, der Zeitlosigkeit, durch welche dieses unendliche Meer 
des Mutes mit seinen Wesenheiten, die wir die Geister des Willens 
nennen, charakterisiert ist, Wesen anderer Hierarchien wie durchschla- 
gen, wie hineinspielen. Erst in dem Moment, wo man dieses Nicht- 



mehrvorhandensein der Zeit spiirt, merkt man es, daft da andere Wesen 
hineinspielen. Man merkt namlich ein unbestimmtes Erleben, von dem 
man nicht sagen kann, daft man es selbst erlebt, sondern daft es da ist, 
kann man nur sagen, daft es in dem ganzen unendlichen Meere des 
Mutes drinnen ist. Man merkt etwas wie ein durch dieses Feld gehen- 
des Aufblitzen, wie ein Hellerwerden, aber nicht eigentlich ein Blitzen, 
sondern mehr ein Aufglimmen. Es ist eine erste Differenzierung. Ein 
Aufglimmen - aber ein Aufglimmen, das nicht den Eindruck macht 
des aufglimmenden Lichtes, sondern - man muft ja bei diesen Dingen 
zu mancherlei greifen - wenn Sie es sich begreiflich machen wollen, so 
denken Sie sich folgendes. Sie treten einem Menschen gegeniiber, der 
Ihnen etwas sagt, und Sie bekommen das Gefiihl: Wie ist doch der 
klug! - und indem er weiterredet, steigert sich dieses Gefiihl, und Sie 
empfinden: Der ist weise, hat Unendliches erlebt, daft er so weise Dinge 
sagen kann! - und diese Personlichkeit wirkt aufterdem so, daft Sie 
formlich etwas wie einen Zauberhauch von ihr ausgehen fiihlen. Denken 
Sie sich diesen Zauberhauch unendlich gesteigert - und denken Sie sich 
das in dem Meer des Mutes auftauchen wie Wolken, die darinnen nicht 
aufblitzen, sondern aufglimmen. Wenn Sie das alles zusammennehmen, 
haben Sie eine Vorstellung davon, daft hineinspielen in die Hierarchie 
der Geister des Willens Wesenheiten, welche ganz Weisheit sind, aber 
eine solche Weisheit, die da hineinspielt strahlend, die nicht bloft Weis- 
heit ist, sondern hinstrahlende Weisheit ist. Kurz, Sie bekommen eine 
Vorstellung zunachst dessen, was hellseherisch Wahrnehmung ist von 
dem, was die Cherubim sind. Die Cherubim spielen da hinein. 

Jetzt denken Sie sich gar nichts um sich als das, was ich eben be- 
schrieben habe. Ich sagte vorhin, indem ich darauf einen gewissen Wert 
legte: Man kann nicht sagen, man habe es um sich -, sondern man kann 
nur sagen, es ist eben da -, wie ich es jetzt beschrieben habe. Man muft 
sich da hineindenken. Nun aber die Vorstellung, daft etwa da ein Auf- 
blitzen sei, ist nicht ganz richtig; deshalb sagte ich, es ist nicht ein 
Blitzen, sondern ein Glimmen, well alles gleichzeitig ist. Es ist eben nicht 
etwa so, daft eines entsteht und vergeht, sondern alles ist gleichzeitig. 
Aber man bekommt jetzt ein Gefiihl von einer Beziehung dieser Geister 
des Willens und der Cherubim. Man bekommt das Gefiihl, daft die ein 



Verhaltnis zueinander gewinnen. Dieses Bewuiksein erlangt man. Und 
zwar erlangt man das Bewufksein, dafl die Geister des Willens oder die 
Throne ihre eigene Wesenheit den Cherubim opfern. Das ist die letzte 
Vorstellung, zu der man iiberhaupt kommt, wenn man sich, riickwarts- 
gehend, dem Saturn nahert - die sich opfernden Geister des Willens, 
die ihre Opfer hinauflenken zu den Cherubim -, weiter geht es nicht, 
da ist die Welt wie mit Brettern verschlagen. Und indem man erleben 
kann dieses Opfern der Geister des Willens gegeniiber den Cherubim, 
prelk sich etwas los aus unserem Wesen. Das kann man jetzt nur mit 
dem Worte sagen: Durch das Opfer, das die Geister des Willens den 
Cherubim bringen, wird die Zeit geboren. - Aber die Zeit ist jetzt nicht 
jene abstrakte Zeit, von der wir gewohnlich sprechen, sondern sie ist 
selbstandige Wesenheit. Jetzt kann man anfangen zu reden von etwas, 
was beginnt. Die Zeit beginnt mit dem, was da zunachst als Zeitwesen- 
heiten geboren wird, die nichts sind als lauter Zeit. Es werden Wesen- 
heiten geboren, die nur aus Zeit bestehen; das sind die Geister der Per- 
sonlichkeit, die wir dann als Archai in der Hierarchie der geistigen 
Wesenheiten kennenlernen. Im Saturndasein sind sie nur Zeit. Bei uns 
haben wir sie auch beschrieben als Zeitgeister, als Geister, welche die 
Zeit regeln. Aber die da geboren werden als Geister, sind wirklich 
Wesenheiten, die iiberhaupt nur aus Zeit bestehen. 

Das ist etwas aufierordentlich Wichtiges: teilzunehmen an diesem 
Opfer der Geister des Willens gegeniiber den Cherubim und an der 
Geburt der Geister der Zeit. Denn erst jetzt, indem die Zeit geboren 
wird, tritt etwas anderes auf, was uns jetzt iiberhaupt erst moglich 
macht, von dem Saturnzustande als von etwas zu sprechen, was sozu- 
sagen einige Ahnlichkeit hat mit dem, was uns jetzt umgibt. Gleichsam 
der Opferrauch der Throne, der die Zeit gebiert, ist das, was wir die 
Warme des Saturn nennen. Daher sagte ich friiher immer, der Saturn 
ist im Warmezustand, indem ich beschrieb, was da ist. Gegeniiber all 
den Elementen, die wir gegenwartig um uns haben, konnen wir bei dem 
alten Saturnzustand nur sprechen als von einem Warmezustand. Aber 
diese Warme entsteht als Opferwarme, welche die Geister des Willens 
darbringen den Cherubim. Nun gibt uns das zugleich eine Anleitung, 
wie wir in Wahrheit iiber das Feuer denken sollen. Wo wir Feuer sehen, 



wo wir Warme empfinden, sollten wir nicht so materialistisch denken, 
wie es dem heutigen Menschen natiirlich und gewohnlich ist, sondern 
wo wir Warme auftreten sehen und fiihlen, da ist auch heute noch in 
unserer Umgebung unsichtbar vorhanden, geistig zugrunde liegend, 
das Opfer von den Geistern des Willens gegeniiber den Cherubim. Da- 
durch gewinnt die Welt erst ihre Wahrheit, daft wir wissen, daft hinter 
jeder Warmeentwickelung ein Opfer ist. 

In der «Geheimwissenschaft» ist, um die Menschen drauften nicht gar 
zu sehr vor den Kopf zu stolen, zunachst mehr der auftere Zustand des 
alten Saturn geschildert. Es sind ja schon genug dadurch vor den Kopf 
gestoften, und die Menschen, die nur im heutigen wissenschaftlichen 
Sinne denken konnen, sehen das Buch als reinen Unsinn an. Aber nun 
denken Sie sich, was es hiefte, wenn man gar sagen wiirde: Der alte 
Saturn hat in seiner innersten Wesenheit, in dem, was ihm zugrunde 
liegt, das, daft die Wesenheiten, welche den Geistern des Willens ange- 
horen, den Cherubim opferten; daft aus dem Opferrauch die Zeit ge- 
boren wird, aus dem Opfer, welches sie den Cherubim bringen; daft 
daraus die Archai, die Zeitgeister, hervorgegangen sind und daft die 
Warme nur ein aufterer Abglanz, eine Maja ist gegeniiber dem Opfer 
der Geister des Willens. Aber es ist so: Die auftere Warme ist nur eine 
Maja, und wollen wir in Wahrheit sprechen, so miissen wir sagen: 
Oberall, wo Warme ist, haben wir in Wahrheit Opfer - Opfer der 
Throne gegeniiber den Cherubim. 

Und nun ist eine gute Imagination das Folgende. Es wird in «Wie 
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» sehr haufig davon ge- 
sprochen, und auch sonst ist es gesagt worden, daft die zweite Stufe 
der rosenkreuzerischen Einweihung die Bildung von Imaginationen ist. 
Diese Imaginationen muft sich der Anthroposoph bilden aus den rich- 
tigen Vorstellungen gegeniiber der Welt. So kann er sich, was wir heute 
besprochen haben, umgewandelt denken in eine phantasieartige Imagi- 
nation: die Throne, die Geister des Willens, kniend in voller Hinge- 
bung, voller mutartiger Hingebung vor den Cherubim, aber so, daft 
die Plingebung nicht hervorgeht aus der Empfindung der Kleinheit, 
sondern aus dem Bewufttsein, daft man etwas hat, was man opfern 
kann. Die Throne in dieser Opferwilligkeit, der die Starke, der Mut 



zugrunde liegt, wie kniend vor den Cherubim und das Opfer zu ihnen 
hinaufschickend, und dieses Opfer schicken sie hinauf wie brodelnde 
Warme, flammende Warme, so daft der Opferrauch hinaufflammt zu 
den gefliigelten Cherubim! So konnte das Bild sein. Und von diesem 
Opfer ausgehend - als wenn wir in die Luft hinein das Wort sprechen 
konnten und dieses Wort die Zeit ware, aber die Zeit als Wesenheiten -, 
von dem ganzen Vorgange ausgehend: die Geister der Zeit, die Archai. 
Dieses Hinaussenden der Archai, das gibt ein grandioses, machtiges 
Bild. Und dieses Bild, vor unsere Seele hingestellt, ist aufterordentlich 
impressionierend fur gewisse Imaginationen, die uns dann immer weiter 
und weiter auf dem Gebiete des okkulten Erkennens bringen konnen. 

Das ist es ja uberhaupt, was wir erreichen mussen: umzuwandeln die 
Vorstellungen, die wir bekommen, in Imaginationen, in Bilder. Wenn 
die Bilder auch von uns ungeschickt gemacht sind, wenn sie auch anthro- 
pomorphistisch sind, wenn sie auch ausschauen wie gefliigelte Men- 
schen, diese Wesen, darauf kommt es nicht an. Das andere wird uns 
zuletzt schon gegeben, und was sie nicht haben sollen, fallt schon ab. 
Wenn wir uns nur hingebend vertiefen in solche Bilder, dann tun wir 
das, was uns allmahlich hinauffuhrt zu solchen Wesen. 

Wenn Sie das nehmen, was ich jetzt versuchte, zu charakterisieren als 
mutvolle Wesen, iiberflutet von Weisheit, so werden Sie sehen, daft die 
Seele bald zu allerlei Bildern Zuflucht nehmen muE, die abliegen von 
den Verstandesbegriffen. Die Verstandesbegriffe verdanken erst viel 
Spaterem ihr Dasein, so daft wir solche Dinge zunachst nicht verstan- 
desmaftig nehmen diirfen. Und Sie mussen es begreifen, was gemeint 
ist, wenn manche Geister, denen das Hellsehen aufgeht und die so 
etwas schildern aus naivem Hellsehen heraus, anders schildern als die 
Verstandesmenschen. Aber die Verstandesmenschen konnen dann solche 
Geister auch nie richtig verstehen. Wer sich davon unterrichten will, 
dem will ich eine Anleitung dafiir geben. Nehmen Sie aus der Reclam- 
schen Universal-Bibliothek das Buch, das ein gutes ist: den sogenannten 
«alten Schwegler», den friiher die Studenten gern benutzten vor dem 
Examen, der aber jetzt nicht mehr verwendbar ist, seitdem die Seele 
abgesetzt ist; wenn er auch durch einen Bearbeiter verschlimmbessert 
worden ist, so ist er doch nicht ganz entstellt worden. Es ist eine Ge- 



schichte der Philosophic vom Hegelschen Standpunkte aus. - Also Sie 
konnen des alten Schweglers «Geschichte der Philosophie» nehmen, 
und Sie werden ein gutes Bild haben von allem, was die alte Philosophic 
betrifft; und selbst wenn Sie da nachlesen iiber die Hegelsche Philo- 
sophic, so finden Sie alles ausgezeichnet geschildert. Aber nun lesen 
Sie darin das kurze Kapitel gerade iiber Jakob Bohme, und versuchen 
Sie sich eine rechte Vorstellung davon zu machen, wie hilflos ein sol- 
cher Mensch, der eine Verstandesphilosophie schreibt, gegeniiber einem 
Geist wie Jakob Bohme ist! Paracelsus hat er, Gott sei Dank, ganz aus- 
gelassen, denn da wiirde er ganz schlimme Satze hingeschrieben haben. 
Aber lesen Sie, was dort iiber Jakob Bohme geschrieben ist. Da kommt 
Schwegler an einen Geist, dem naiv aufgegangen ist - jetzt nicht das 
Saturnbild, sondern die Wiederholung des Saturnbildes, denn das hat 
sich ja in der Erdperiode wiederholt; er kommt an einen Geist, der also 
nicht anders kann, als mit Worten und Bildern schildern, an die der 
Verstand nicht heran kann. Da hort fur den Verstandesmenschen jedes 
Begreifen auf. Nicht, als ob man iiberhaupt nicht etwa die Dinge be- 
greifen konnte, aber man kann sie nicht begreifen, wenn man auf dem 
Standpunkte des gewohnlichen, trockenen Philosophenverstandes 
bleiben will. 

Sie sehen, das ist gerade das Wichtige, daft wir uns erheben zu dem, 
wozu der gewohnliche Intellekt nicht ausreicht. Wenn auch der ge- 
wohnliche Verstand so etwas Ausgezeichnetes liefert wie die «Ge- 
schichte der Philosophie» von Schwegler - denn ich habe es absichtlich 
ein «gutes» Buch genannt -, so ist es doch ein Beispiel dafiir, wie ein 
ausgezeichneter Verstand vollstandig stillesteht vor einem Geist wie 
Jakob Bohme. 

So haben wir heute versucht, an Hand der Betrachtung des alten 
Saturn, sozusagen mehr innerlich in diese alte planetarische Verkorpe- 
rung unserer Erde einzudringen. Wir werden es demnachst so machen 
mit dem Sonnen- und Mondendasein und werden dabei sehen, wie wir 
auch dort zu Begriffen kommen, die uns vielleicht nicht weniger gran- 
dios vorkommen werden, als wenn wir uns zuruckahnen zu dem alten 
Saturnzustand und in der Ahnung in uns auftreten die vor den Cheru- 
bim opfernden Throne, welche die Wesen der Zeit schaffen als Resultate 



des Opfers. Denn die Zeit ist ein Ergebnis des Opfers, und sie entsteht 
zunachst als lebendige Zeit, als ein Geschopf des Opfers. Dann werden 
wir sehen, wie alle diese Dinge auf der Sonne umgeandert werden und 
wie uns andere grandiose Vorgange des Weltendaseins entgegentreten 
werden, wenn wir vom Saturn zur Sonne und dann zum Mondendasein 
iibergehen werden. 



ZWEITER VORTRAG 



Berlin, 7. November 1911 



Aus unseren letzten Auseinandersetzungen werden Sie entnommen 
haben, daft die Beschreibung jener fruheren Zustande unserer Entwicke- 
lung, die noch vor der Entstehung unserer Erde selbst liegen, aufter- 
ordentlich schwierig ist. Denn wir haben gesehen, daft wir uns die 
Begriffe und Ideen erst heranbilden miissen, durch die wir zu solchen 
fremdartigen, fernen Zustanden unserer Weltentwickelung kommen 
konnen. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, daft eine solche 
Beschreibung, wie sie in meiner «Geheimwissenschaft im Umrift» von 
der alten Saturnzeit und audi von den folgenden planetarischen Ver- 
korperungen unserer Erde gegeben wird, nicht nur keine erschopfende 
ist, sondern sich in gewissem Sinne damit begniigen muft - damit die 
Offentlichkeit, der auch dieses Buch iibergeben werden sollte, nicht zu 
stark schockiert wird -, dasjenige, worauf es eigentlich ankommt, in Bil- 
der zu kleiden, die von Naheliegendem und auch von Gewohntem herge- 
nommen sind. Man gibt damit natiirlich nicht eine unrichtige Beschrei- 
bung, aber in gewissem Sinne doch eine solche, die sehr bildhaft in Maja, 
in Illusion getaucht ist, und man muft sich erst durch die Illusion hin- 
durcharbeiten, um immer mehr und mehr in die Wahrheit der Sache 
eindringen zu konnen. So ist zum Beispiel die alte Saturnzeit so beschrie- 
ben - wie es innerhalb gewisser Grenzen durchaus richtig ist — , daft ge- 
sagt wird, der alte Saturn sei ein Himmelskorper gewesen, der im wesent- 
lichen nicht aus denBestandteilen bestanden hat, die wir alsErde, Wasser 
oder Luft kennen, sondern nur aus Warme. Und wenn von «Raum» 
gesprochen wird, so ist das nur eine bildhafte Beschreibung, denn wir 
haben das letzte Mai gesehen, daft es auf dem alten Saturn nicht einmal 
eine «Zeit» gegeben hat. Wenn wir also von Raum sprechen, so ist das 
auch ein Bildhaftes. Raum gab es auf dem alten Saturn auch nicht in unse- 
rem Sinne; und die Zeit entsteht erst auf dem Saturn. Wir sind durchaus, 
wenn wir uns auf den alten Saturn zuriickversetzen, in dem Bereich der 
raumlosen Ewigkeit. Wenn also doch etwas gesagt wird, was uns ein 
Bild geben kann, so miissen wir uns klar sein, daft es ein Bild ist. 



Wenn wir den Raum des alten Saturn betreten hatten, so wiirden wir 
nicht einmal eine so feine Substanz gefunden haben, die wir als «Gas» 
hatten bezeichnen konnen, sondern nur Warme und Kalte. In Wirk- 
lichkeit ist es so, daft man von dem Kommen aus einem Raumteil in 
einen anderen nicht sprechen kann, sondern daft nur die Empfindung 
von dem Ablauf von warmeren und kalteren Zustanden waltete, so daft 
also auch der Hellseher, wenn er sich in die alte Saturnzeit zuriickver- 
setzt, den Eindruck empfangt von auf und ab flutenden raumlosen 
Warmezustanden. Aber das ist nur der auftere Schleier des Saturnzu- 
standes. Denn diese Warme oder dieses Feuer, wie man im Okkultis- 
mus sagt, hat sich uns ja enthiillt in seinen geistigen Untergriinden; und 
wir haben gesehen, daft geistige Taten, geistige Verrichtungen in Wahr- 
heit das waren, was auf dem alten Saturn wirklich vorhanden war. Und 
wir haben uns ein Bild gemacht von dem, was da an geistigen Taten 
auf dem Saturn vorhanden war. Wir haben gesagt, daft die Geister des 
Willens oder die Throne Opfertaten verrichtet haben, so daft, wenn 
wir zuriickschauen auf das, was konkret auf dem Saturn geschah, wir 
die Cherubim haben und die von den Thronen flieftenden Opfer. Opfer 
flieften von den Thronen zu den Cherubim, und diese Taten des Opfers 
sind es, die, gleichsam von auften angeschaut, als Warme erscheinen. 
Warmezustande sind der auftere physische Ausdruck, uberhaupt der 
auftere sinnliche Ausdruck fiir Opfer. Und in der ganzen Welt, wo wir 
Warme wahrnehmen, ist Warme der auftere Ausdruck fiir das, was 
hinter der Warme ist. Warme ist Illusion; dahinter sind die Opfertaten 
von Wesenheiten. Wenn wir daher die Warme in Wahrheit charakteri- 
sieren wollen, werden wir sagen miissen: Die Weltenwarme ist die 
Offenbarung des Weltenopfers oder der Weltenopfertaten. 

Dann haben wir gesehen, daft aus dieser Tat des Opfers, das die 
Throne gegeniiber den Cherubim darbringen, gleichsam herausgeboren 
wird - aber ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, daft es wieder 
ein modernes Wort ist, das nicht recht paftt -, das, was wir die «Zeit» 
nennen. Aber die Zeit ist damals noch nicht das «Friiher oder Spater», 
nicht jenes Abstraktum, als welches sie heute der Mensch wahrnimmt, 
sondern eine Summe von geistigen Wesenheiten: das sind die Geister 
der Personlichkeit, die wir dann auch kennengelernt haben als die Zeit- 



geister. Die Zeitgeister sind die wirkliche alte Zeit, und sie sind die 
Kinder der Throne mit den Cherubim. Aber die Verhaltnisse, durch 
welche die Wesen des Zeitlichen auf dem alten Saturn entstehen, sind 
Opfer. Wenn gesagt wird: Der alte Saturn besteht in Warme -, so 
miissen wir uns, um ein eigentliches Verstandnis dafur zu gewinnen, 
was dahinter liegt, nicht bloft auftere physische Begriffe aneignen - denn 
«Warme» ist ein physischer Begriff -, sondern Begriffe, die wir nur aus 
dem Seelenleben selber gewinnen konnen, aus dem moralischen, weis- 
heitsvollen Seelenleben. Niemand kann wissen, was Warme ist, der 
nicht in der Lage ist, sich eine Vorstellung zu machen von dem, was 
heiftt opferfahige Hingabe dessen, was man besitzt, was man hat, ja 
nicht nur opferfahige Hingabe dessen, was man hat, sondern dessen, 
was man selber ist. Die Hinopferung des eigenen Wesens, das Sich- 
Entauftern des eigenen Wesens seelisch gefaftt, so daft man es sich zu- 
gleich so denkt, daft man bereit ist, sein Bestes hinzugeben zum Heile 
der Welt; nicht fur sich sein Bestes behalten > sondern es gern hinopfern 
zu wollen auf dem Altar des Weltalls: das als einen lebendigen Begriff 
gefaftt und mit einem Gefiihl unsere Seele durchdringend, fiihrt allmah- 
lich zum Verstandnisse dessen, was hinter der Erscheinung der Warme 
ist. Man vergegenwartige sich einmal, was im modernen Leben auch 
heute mit dem Begriff des Opfers verkniipft ist: man kann sich nicht 
recht denken, daft der, welcher mit Verstandnis opfert, dies jemals tut 
gegen seinen Willen. Wenn jemand opfert gegen seinen Willen, so 
miiftte er dazu aus irgendeinem Grunde gezwungen sein; es miiftte ein 
Zwang waken. Dann aber wiirden wir es beileibe nicht mit dem zu tun 
haben, was hier gemeint ist. Hier ist aber gemeint, was als Opfer selbst- 
verstandlich flieftt aus dem Wesen, das opfert. Und wenn jemand etwas 
opfert, nicht weil er aus irgendeinem aufteren Grunde dazu gedrangt 
wird, auch nicht, weil er hofft, etwas zu erringen, sondern weil er sich 
aus seinem Inneren heraus gedrangt fiihlt zu opfern, dann ist es undenk- 
bar, daft er etwas anderes empfindet als innere Warmeseligkeit. Fiihlen 
wir uns durchglutet mit innerer Warmeseligkeit, dann haben wir schon 
das ausgesprochen, was wir nicht anders bezeichnen konnen als: der 
Opfernde fiihlt sich durchwarmt, durchglutet mit der Seligkeit. Da 
haben wir die Moglichkeit, selbst zu empfinden, wie die Opferglut uns 



in der Maja der aufteren Weltenwarme entgegentreten kann. Nur der 
versteht wirklich, was Warme ist, der den Gedanken fassen kann: Wenn 
Warme in der Welt auftritt, liegt zugrunde in irgendeiner Weise ein 
Seelisch-Geistiges, das hinter der Warme ist und das die Warme bewirkt 
durch die Seligkeit des Opfers. Wer so die Warme empfinden kann, der 
kommt allmahlich zu der Realitat, welche sich hinter der Warme- 
erscheinung, hinter der Warmeillusion verbirgt. 

Wenn wir nun weiterdringen wollen von dem aiten Saturndasein zum 
alten Sonnendasein, so miissen wir uns erst wieder einen Begriff zu- 
rechtlegen, durch den wir von der Substanz der alten Sonne - nicht der 
jetzigen Sonne — eine Vorstellung bilden konnen. Denn, was wir in der 
«Geheimwissenschaft» lesen: Die alte Sonne hat die Warme heraufge- 
bildet, indem sie hinzugefugt hat zu der Warme Luft und Licht, das 
ist wieder nur durch eine auftere Erscheinung dargestellt. Wie wir hinter 
der Warme suchen miissen die Opferglut der Geister des Willens, so 
miissen wir hinter der Luft und dem Licht etwas Moralisches suchen, 
wenn wir Luft und Licht, die auf der Sonne zu der Warme hinzukom- 
men, verstehen wollen. Nun konnen wir nur eine Idee, eine Vorstel- 
lung, eine Empfindung davon bekommen, was Luft und Licht auf der 
alten Sonne waren, wenn wir uns an etwas halten, was wir in uns selbst 
geistig-seelisch erleben konnen. 

Da gibt es ein Erlebnis, das wir in folgender Weise als ein Seelen- 
erlebnis beschreiben konnen. Denken wir uns, daft irgendein Mensch 
sehen wiirde eine richtige, echte Opfertat, oder daft er sich vorstellen 
wiirde, wie wir es das letzte Mai bei der Betrachtung des alten Saturn- 
daseins als Opfertat der Throne geschildert haben, die Throne hinauf- 
sendend ihre Opfer zu den Cherubim, so daft der Mensch angeregt 
wiirde durch das Bild des beseligenden Opfers, das er anschaut und 
das die Seele lebendig machen wiirde. Was wiirde unsere Seele fiihlen 
entweder durch den Anblick des opfernden Wesens selbst oder durch 
das Bild, das wir in unserer Seele recht inbriinstig lebendig machen? - 
Ein solcher Mensch wiirde, wenn er lebendige Gefiihle hat, wenn er 
nicht mehr oder weniger gefuhllos der Opferseligkeit gegenuberstehen 
wiirde, eine tiefgehende Anregung empfinden miissen beim Anblick 
des Opferbildes; er wiirde in seiner Seele empfinden miissen: das ist die 



schonste Tat, das schonste Erlebnis, das iiberhaupt aus unserer Seek 
hervorgerufen werden kann, Opferseligkeit anzuschauen! Das ist aber 
auch eine solche Empfindung: man miiftte ein Stuck Holz sein, wenn 
nicht da in der Seek der Trieb entstehen wiirde, mit hochster Ehrfurcht 
anzuschauen, was Opferseligkeit ist, wenn man nicht davon krnen 
konnte die Stimmung der volligen Hingabe. Hingabe! - Opfertat ist 
aktive, in Aktivitat sich umsetzende Hingebung. Die Anschauung von 
dem aktiven, dem tatigen Hingeben kann die Stimmung des Hingege- 
benseins, des Sich-Verlierens, des Sich-Vergessens in der Anschauung 
hervorrufen. Denken wir uns diese Stimmung des selbstlosen Sich- 
Verlierens in der Anschauung ganz in der Seek ausgegossen, dann 
haben wir mit dieser Stimmung dasjenige, was insofern uns naher kom- 
men soli fur unser Verstandnis, als wir ohne eine solche Stimmung, 
wenigstens ohne eine Ahnung und einen Anklang an eine solche Stim- 
mung, in Wahrheit niemals zu dem kommen konnten, was die hohere 
Erkenntnis gibt. 

Wer niemals solche Stimmung des Hingegebenseins haben kann, der 
kann nicht zu hoheren Erkenntnissen kommen. Denn, was ware das 
Gegenteil dieser Stimmung? Es ware der Eigenwille, Geltendmachen 
des Eigenwillens. Das sind iiberhaupt wie zwei Pole des Seelenlebens: 
hingegebene Verlorenheit an das, was man anschaut, und eigenwilliges 
Geltendmachen dessen, was in einem ist. Das sind zwei grofte Gegen- 
satze. Fur wirkliche Erkenntnis, fur ein Sich-Durchdringen mit Weis- 
heit ist Eigenwille to tend. Im gewohnlichen Leben kennt man Eigen- 
willen nur als Vorurteil, und Vorurteile zerstoren immer hohere Ein- 
sicht. 

Was hier als Hingegebensein gemeint ist, muft man sich aber gestei- 
gert denken, denn nur durch dies gesteigerte Hingegebensein kann der 
Mensch sich zu hoheren Welten hinaufarbeiten. Da muft er jenes Sich- 
Verlieren wenigstens als Stimmung erleben konnen. Daher muft es 
immer wieder und wieder betont werden, daft wir nie zu einer hoheren 
Erkenntnis kommen, wenn wir so arbeiten wie die gewohnliche Wissen- 
schaft oder das alltagliche Denken. Seien wir uns klar: wie die gewohn- 
liche Wissenschaft und das alltagliche Denken arbeiten, so arbeiten sie 
aus dem gewohnlichen Wilkn des Menschen heraus, durch alles das- 



jenige, was den Eigenwillen geschaffen hat: durch die vererbten oder 
anerzogenen Empfindungen, Gefiihle und Vorstellungen. Dariiber kann 
man sich sehr tauschen; diese Tauschungen sind eine Alltaglichkeit. Es 
kommen zum Beispiel Leute und sagen: Da soli man aufnehmen irgend- 
eine Wissenschaft, wie sie geboten wird in der Geisteswissenschaft, 
aber ich will nichts aufnehmen, als was dem entspricht, was ich mir 
schon denken kann, ich will nichts ungepriift aufnehmen! - Gewift, 
ungepriift soil man nichts aufnehmen. Aber wenn man allem nur sich 
selbst entgegenbringt, nur das, was man weift, aufnimmt - damit kommt 
man auch keinen Schritt weiter! Und der, welcher Hellseher werden 
will, wird nie sagen, daft er nur das aufnehmen will, was er vorher ge- 
priift hat, sondern er mufi vollstandig frei werden von allem Eigen- 
siichtigen und mufi alles erwarten von dem, was aus der Welt an ihn 
herantritt, und was man nicht anders bezeichnen kann als mit dem 
Worte «Gnade». Er erwartet alles von der Gnade, die erleuchtet. Denn 
wie erwirbt man hellseherische Erkenntnisse? Nur dadurch, daft man 
alles ausschalten kann, was man jemals gelernt hat. Gewohnlich denkt 
der Mensch: Ich habe mein eigenes Urteil. Er miiftte sich aber sagen: 
Das besteht nur daraus, daft du auffrischst, was deine Vorfahren gedacht 
haben, oder was deine Triebe anregen und so weiter. Denn davon ist 
nie die Rede, daft dies der Menschen eigene Urteile sind; und die ihre 
eigenen Urteile am meisten geltend machen, wissen gar nicht, wie sie 
am Gangelbande, sklavisch am Gangelbande ihrer Vorurteile gefiihrt 
werden. Das muft alles fort, wenn man zu hoheren Erkenntnissen 
kommen will. Leer muft die Seele werden und ruhig warten konnen 
auf das, was sich aus der raum- und zeitfreien, ding- und tatsachen- 
freien, verborgenen, geheimen Welt an die Seele heranbegeben kann. 
Und nie diirfen wir glauben, daft wir an uns heranreiften konnen, was 
hellseherische Erkenntnis ist, sondern nur, daft wir in uns eine Stim- 
mung reifen lassen, durch die wir entgegennehmen, was sich uns dar- 
bietet als Offenbarung oder Erleuchtung. So daft wir nie anders als von 
der Gnade, die an uns herantritt und uns etwas gibt, das erwarten 
konnen, was an uns herantreten soli. 

Wie also offenbart sich eine solche Erkenntnis? Wie offenbart sich 
das, was da herantritt, wenn wir uns geniigend vorbereitet haben? Es 



offenbart sich als die Stimmung des Begnadetwerdens durch die uns 
entgegenkommende Gabe aus der geistigen Welt. Wenn wir das, was 
an uns herantritt - sei es als Wesen oder was immer -, urn uns gnaden- 
voll entgegenzukommen und in uns die Erkenntnis einzugieften, be- 
zeichnen wollten, so konnten wir nur den Ausdruck gebrauchen: es ist 
das, was uns da entgegentritt, ein Gnadewirkendes, ein Schenkendes, 
ein Gebendes. Fassen wir die Natur eines Wesens, dessen Hauptcharak- 
terzug in dem bestehen wiirde, was ich jetzt eben mit diesen Worten 
bezeichnet habe: es ist ein Schenkendes, ein Gebendes, ein Darbieten- 
des; ein solches Wesen, mit dem Hauptcharakterzug des Gnade-um- 
sich-Streuens, des Gnade-von-sich-Ausgiefiens - fassen wir es so, daft 
es, um in diese Moglichkeit des Gnadegebens zu kommen, brauchte 
den Anblick des Opfers der Throne an die Cherubim! Denken wir uns 
einmal, es wiirde hinzutreten zu dem, was da geschieht, wenn die 
Throne den Cherubim opfern, ein Wesen, welches durch diesen An- 
blick veranlafk wiirde zu einem Schenkenden, zu einem seine Gaben 
in Gnade um sich Ergieftenden zu werden. Stellen wir uns das ganz 
genau vor. Denken wir uns, wir wiirden eine Rose anschauen und ent- 
ziickt werden davon, also das Gefiihl eines Beseligenden empfinden 
iiber das, was wir «schon» nennen. Denken wir, ein anderes Wesen 
wiirde durch den Anblick dessen, was beschrieben ist als das Opfer der 
Throne an die Cherubim, veranlafk werden, alles, was es hat, um sich 
herum zu schenken, schenkend in die Welt zu ergieften: dann wiirden 
wir damit diejenigen Wesenheiten beschrieben haben, von denen in der 
«Geheimwissenschaft» die Rede ist als den «Geistern der Weisheit», 
die auf der Sonne hinzutreten zu denjenigen Wesenheiten, die wir schon 
auf dem Saturn kennengelernt haben. Wiirden wir also die Frage auf- 
werfen: Welches ist der Charakter der Geister der Weisheit, die auf der 
Sonne auftraten und zu den Saturngeistern hinzutraten? - so miilken 
wir antworten: Diese Geister haben als ihren Hauptcharakterzug die 
schenkende, gnadenwirkende, gebende Tugend. - Und wollten wir ein 
Beiwort haben, so miilken wir sagen: Sie sind die Geister der Weisheit, 
die grofSen Schenkenden, die groften Gebenden des Weltalls! - Wie wir 
von den Thronen gesagt haben: Die grofien Opferer -, so miifken wir 
von den Geistern der Weisheit sagen: Die groften Gebenden, die ihre 



Gabe so Hingebenden, daft dieselbe von ihnen aus das Weltall durch- 
webt und durchlebt, indem sie einstromt in das Weltall und in dasselbe 
erst Ordnung hineinschafft. 

Das ist die Tat auf der Sonne, die Wirkung der Geister der Weisheit 
auf der Sonne. Das tun sie: schenken ihr eigenes Wesen an ihre Um- 
gebung. Und was ist das, was sich dem aufteren Anblick darbietet, wenn 
man so hinblickt und wie eine hohere Sinnesempfindung wahrnehmen 
will, was da auf der Sonne geschieht? 

Wenn man es ansieht, ist es so, wie es beschrieben ist in der «Ge- 
heimwissenschaft»: Die Sonne besteht aufter aus Warme auch noch aus 
Luft und Licht. Aber wenn man das sagt: Die Sonne besteht aufter aus 
Warme auch noch aus Luft und Licht -, dann ist es so, wie wenn jemand 
sagte: In der Feme sehe ich eine graue Wolke -, und wiirde er als Maler 
den Eindruck, den er hat, hinmalen, so wiirde er eine solche graue 
Wolke malen; wenn er aber naher hinzuginge, wiirde er vielleicht statt 
der grauen Wolke einen Miickenschwarm vor sich haben. In Wirklich- 
keit ist dann das, was er fur eine graue Wolke hielt, eine Summe von 
lauter lebendigen Wesen. In ahnlicher Weise stehen wir von feme dem 
alten Sonnendasein gegeniiber: Indem wir es von feme anschauen, er- 
scheint es als die Illusion eines Luft- und Lichtkorpers; wenn wir es 
aber naher betrachten, haben wir nicht mehr einen Luft- und Licht- 
korper, sondern da erscheint es als die grofte schenkende Tugend der 
Geister der Weisheit. Und niemand lernt die Luft richtig kennen, der 
sie nur ihren aufteren, physischen Eigenschaften nach beschreibt. Das 
ist nur Maja oder Illusion, das ist nur die auftere Offenbarung. Denn 
iiberall wo Luft ist in der Welt, sind die Taten der schenkenden Geister 
der Weisheit dahinter. Webende, wirkende Luft heiftt Offenbarung der 
schenkenden Tugend der Geister des Makrokosmos. Und nur der sieht 
die Luft richtig an, der sich sagt: Ich nehme hier Luft wahr, in Wahrheit 
aber wird da geschenkt von den Geistern der Weisheit an die Umgebung, 
wird etwas ausgestrahlt an die Umgebung. 

Jetzt wissen wir, was es eigentlich ist, was wir von der alten Sonne 
beschrieben haben, indem wir sagten, sie besteht aus Luft. Wir wissen 
jetzt, daft es Schenken ist: daft die Geister der Weisheit ihr eigenes 
Wesen ausflieften lassen und daft es aufterlich als Luft erscheint. Aber 



eine merkwiirdige Sache trat nun ein auf der alten Sonne, die sich dem 
Hellseher darbietet. Wir miissen uns klarmachen, wie wir von dieser 
schenkenden Tugend eine noch genauere Vors'tellung bekommen kon- 
nen aus unserem Seelenleben heraus. Vergegenwartigen wir uns dazu 
jenes Gefiihl, das wir selbst haben konnen, wenn es uns gelingt, aus 
der eben geschilderten Stimmung von Hingabe uns zu durchdringen mit 
einer Erkenntnis, mit einer Idee. Von einer solchen Idee, die uns dann 
kommt, haben wir immer eine bestimmte Empfindung. Eine solche 
Idee ist keine wissenschaftliche; die beste Empfindung davon hat man 
noch, wenn man das Kunstlerische ins Auge faftt, wo die Idee den 
Drang hat, zum Beispiel Farbe oder Form irgendwie zu bemeistern, 
also in der Welt auszustromen, so daft sie ein selbstandiges Dasein der 
Welt geschenkt hat. Das Wesen einer solchen schenkenden Fahigkeit 
ist damit zu charakterisieren, daft man sagt: Produktivitat, Schopferi- 
sches ist damit verbunden, denn dieses Schenken ist selbst schopferisch. 
Wer eine Idee hat, von der er empfindet, daft sie der Welt zum Heile 
gereichen kann und die sich darstellt in Kunstwerken und so weiter, 
der hat von dieser Produktivitat der schenkenden Tugend einen richti- 
gen Begriff. Das ist es, was als Luft die Sonne durchwebt. Wenn wir 
uns denken die schaffende Idee im Kopfe des Kiinstlers, wie sie sich 
einfiigt in den Stoff - von allem anderen abgesehen -, dann ist dies das 
geistige Wesen der Luft. Wo Luft ist, haben wir es mit so etwas zu tun. 
Aber dadurch, daft diese lebendige Produktivitat auf der Sonne da war, 
stellte sich die folgende Tatsache heraus. 

Halten wir fest, daft auf dem alten Saturn schon die Geister der Zeit 
geboren waren, daft also auf der Sonne «Zeit» schon sein konnte, denn 
diese ist heriibergekommen von dem Saturn. Zeit ist da. Also es gibt 
jene Moglichkeit auf der alten Sonne, die es auf dem alten Saturn noch 
nicht gegeben hatte, daft ein solches Schenken eintrat. Denn denken 
Sie einmal, was es ware mit einem Schenken, wenn es keine Zeit gabe: 
da konnte man nicht schenken; denn Schenken besteht im Geben und im 
Entgegennehmen. Ohne das zweite ist das Schenken gar nicht zu denken. 
Also es muft das Schenken aus zwei Akten bestehen: aus Geben und 
Nehmen, sonst hat das Schenken keinen Zweck. Auf der Sonne stehen 
sich aber Geben und Nehmen ganz sonderbar gegeniiber, so namlich, 



daft, weil nun schon die Zeit da ist, die Gabe, die dargereicht wird auf 
der alten Sonne an die Umgebung, in der Zeit aufbewahrt wird, gleich- 
sam bewahrt wird in der Zeit, so daft die Geister der Weisheit ihr Ge- 
schenktes ausgieften, dann bleibt es in der Zeit. Aber nun muft etwas 
eintreten, was das nimmt. Das arbeitet im Verhaltnis zu den Geistern 
der Weisheit in einem spateren Augenblick. So daft die Geister der 
Weisheit im friiheren Augenblicke geben, und das, was notwendig da- 
mit verbunden sein muft als Nehmen, tritt im spateren Augenblicke 
ein. 

Davon konnen wir nur eine richtige Vorstellung bekommen, wenn 
wir wieder das eigene Seelenerleben zugrunde legen. Stellen Sie sich 
vor, Sie bemiihen sich, irgend etwas zu verstehen, oder irgendeinen 
Gedanken zu bilden. Jetzt haben Sie diesen Gedanken gebildet. Morgen 
besinnen Sie sich, machen rein Ihren Geist, damit alles, was Sie gestern 
an Gedanken gebildet haben, zuriickkommen kann in Ihren Geist. 
Dann ist das, was gestern gebildet worden ist, von Ihnen heute aufge- 
nommen. So ist es auf der alten Sonne, indem das, was friiher geschenkt 
wird, bewahrt bleibt fur einen spateren Augenblick und spater ent- 
gegengenommen wird. Was ist denn dann dieses Entgegennehmen? Es 
ist auch auf der alten Sonne eine Tat, ein Geschehen, das sich nur da- 
durch von dem anderen Geschehen unterscheidet, daft es spater ist. 
Das Geben kommt den Geistern der Weisheit zu. Wer nimmt denn 
nun? Damit jemand nehmen kann, muft erst jemand da sein. In der- 
selben Art wie gleichsam durch einen Geburtsakt, namlich aus den 
Opfern der Throne an die Cherubim, die Geister der Zeit auf dem 
Saturn entstehen, so entstehen durch Schenken an die Welt von seiten 
der Geister der Weisheit auf der Sonne diejenigen Geister, die wir die 
Erzengel nennen: Archangeloi. Und sie sind auf der alten Sonne die 
Nehmenden. Aber sie nehmen auf eine ganz besondere Weise, so nam- 
lich, daft sie, was sie als Gabe erhalten von den Geistern der Weisheit, 
nicht fur sich behalten, sondern es zuriickstrahlen, wie der Spiegel Ihr 
Bild zuriickstrahlt. So haben die Erzengel auf der Sonne die Aufgabe, 
dasjenige, was in einem friiheren Zeitpunkt geschenkt worden ist, in 
einem spateren Zeitpunkte aufzufangen, so daft es in einem spateren 
Zeitpunkte noch da ist und widergestrahlt wird durch die Erzengel. Wir 



haben also auf der Sonne ein alteres Geben und ein spateres Nehmen, 
aber dieses Nehmen als Widerstrahlung dessen, was war in einer 
friiheren Zeit. 

Denken Sie einmal, daft die Erde nicht so ware, wie sie jetzt ist, 
sondern daft folgendes eintreten wiirde: daft in dem jetzigen Zeitpunkt 
widerstrahlen konnte, was in einem friiheren Zeitpunkt geschehen ist. 
Nun wissen wir aber, daft so etwas wirklich geschieht. Wir leben jetzt 
im fiinften nachatlantischen Kulturzeitraum; da strahlen wider die 
Ereignisse des dritten nachatlantischen Kulturzeitraumes, der alten 
agyptisch-chaldaischen Zeit. Was friiher da war, wird aufgefangen und 
strahlt jetzt zuriick. Das ist eine Art Wiederholung des Gebens und 
Nehmens auf der alten Sonne. So haben wir uns gegeniiber den Geistern 
der Weisheit, die in den alteren Sonnenzeiten die Gebenden, Schenken- 
den sind, in den Erzengeln die Aufnehmenden zu denken. Dadurch 
wird etwas ganz Besonderes hervorgerufen, was Sie sich nur richtig 
vorstellen konnen, wenn Sie sich denken das Bild einer innerlich ge- 
schlossenen Kugel, wo vom Mittelpunkte etwas ausgestrahlt wird, was 
geschenkt wird; das strahlt bis zur Peripherie hin und strahlt von dort 
zuriick zum Mittelpunkte. An der Oberflache, innen an der Kugel 
lagern die Erzengel, die strahlen es zuriick. Auften brauchen Sie sich 
nichts vorzustellen. - Wir haben uns also von einem Zentrum ausgehend 
zu denken das, was von den Geistern der Weisheit kommt: das wird 
ausgestrahlt nach alien Seiten, wird aufgefangen von den Erzengeln und 
zuriickgestrahlt. Was ist das, was da zuriickstrahlt in den Raum hinein, 
dieses zuruckgestrahlte Geschenk der Geister der Weisheit? Was ist die 
ausgestrahlte Weisheit in sich selbst zuriickgeleitet? - Das ist das Licht. 
Und damit sind die Erzengel z^gleich die Schopfer des Lichtes. Licht 
ist ebensowenig das, als was es uns in der aufteren Illusion erscheint, 
sondern wo Licht auftritt, haben wir die zuriickgestrahlten Gaben der 
Geister der Weisheit. Und die Wesen, die wir iiberall hinter dem Licht 
vermuten miissen, das sind die Erzengel. Daher miissen wir sagen: 
Hinter dem flutenden Lichtstrahl, der uns trifft, stecken die Archangeloi; 
daft sie uns aber Licht zustromen konnen, das kommt nur davon her, 
daft sie zuriickstrahlen, was ihnen entgegenstrahlt, namlich die schen- 
kende Tugend der Geister der Weisheit. 



So bekommen wir ein Bild der alten Sonne. Wir denken uns gleich- 
sam einen Zentralsitz, wo vereinigt ist das, was vom alten Saturn her- 
ubergekommen ist: die Opfertaten der Throne gegeniiber den Cherubim, 
im Anblick dieser Opfertaten versunken die Geister der Weisheit. 
Durch den Anblick dieser Opfertaten werden sie veranlaftt, von sich 
auszustrahlen, was ihr eigenes Wesen ist: stromende, flutende Weisheit 
als schenkende Tugend. Das aber wird, weil es zeitdurchstrahlt ist, aus- 
gesandt und wieder zuriickgesandt, so daft wir einen Globus, einen 
durch die zuriickstrahlende Tugend innerlich erleuchteten Globus 
haben. Denn wir miissen uns die alte Sonne nicht nach auften, sondern 
nach innen leuchtend denken. Damit ist ein Neues geschaffen, das wir 
folgendermaften beschreiben konnen. Denken wir uns diese Geister der 
Weisheit, sitzend im Mittelpunkte der Sonne, im Anblick der opfernden 
Throne versunken und ausstrahlend, was ihr eigenes Wesen ist, wegen 
des Anblickes der opfernden Throne, und zuriick erhalten sie ihr aus- 
strahlendes Wesen, indem es ihnen von der Oberflache zuriickstrahlt, 
so daft sie es als Licht wieder zuriickbekommen. Alles ist durchleuchtet. 
Aber was bekommen sie zuriick von denen, die da im Nehmen zuriick- 
strahlen? - Ihr eigenes Wesen wurde, indem sie es hingegeben ha- 
ben, zum Geschenk an den Makrokosmos, da war es ihr Inneres. 
Jetzt strahlt es zuriick: ihr eigenes Wesen tritt ihnen von auften ent- 
gegen. Sie sehen ihr eigenes Inneres in die ganze Welt verteilt und 
widergestrahlt von auften als Licht, als die Widerspiegelung ihres eige- 
nen Wesens. 

Inneres und Aufteres sind die zwei Gegensatze, die uns jetzt ent- 
gegentreten. Das Friihere und Spatere verwandelt sich und wird so, 
daft es sich verwandelt in Inneres und Aufteres. Der «Raum» ist gebo- 
ren! Durch die schenkende Tugend der Geister der Weisheit entsteht 
der Raum auf der alten Sonne. Vorher kann «Raum» nur eine bildliche 
Bedeutung haben. Jetzt haben wir den Raum, aber zunachst nur in 
zwei Dimensionen: noch nicht oben und unten, noch nicht rechts und 
links, sondern nur Aufteres und Inneres. - In Wirklichkeit treten diese 
beiden Gegensatze schon gegen Ende des alten Saturn auf, aber sie 
wiederholen sich in ihrer eigentlichen Bedeutung, als raumschaffend auf 
der alten Sonne. 



Und wenn wir jetzt von all diesen Vorgangen wieder eine Vorstellung 
gewinnen wollen in der Weise, wie wir es das letzte Mai getan haben, 
wo das Bild der opfernden Throne vor unsere Seele trat, die Zeitgeister 
gebarend, so werden wir nicht hinmalen einen Korper, der aus Licht 
besteht, denn nach auften strahlt dieses Licht noch nicht, es ist nur im 
Widerstrahlen im Inneren vorhanden. Eine Kugel als inneren Raum 
haben wir uns zu denken, in dem Mittelpunkt zunachst sich wieder- 
holend das Bild des Saturn: die Throne als Geister wie kniend vor den 
Cherubim, den gefliigelten Wesen, opfernd ihr eigenes Wesen; und 
hinzukommend die Geister der Weisheit, in dem Anblick des Opfers 
versinkend. Und nun kann man als Anblick haben, daft die Glut, die 
im Opfer liegt, sich in der Hingabe der Geister der Weisheit verwan- 
delt, so daft sie sinnenfallig vorzustellen ist als Opferrauch, als Luft, die 
aufsteigt von der Opfertat als Opferrauch. Und wir bekommen ein voll- 
standiges Bild, wenn wir uns vorstellen: Die opfernden Throne kniend 
vor den Cherubim, und zu dem Opfer hinzukommend wie im Reigen 
die Geister der Weisheit, hingegeben in ihrer Stimmung dem, was sie 
erblicken im Mittelpunkte der Sonne an dem Opfer der Throne; dadurch 
in ihrer Stimmung erwachsend zu dem Bilde des Opferrauches, der sich 
verbreitet nach alien Seiten, der ausstromt, sich am Ende ballt und aus 
seinen Wolken herausschafft die Gestalten der Erzengel, die zuriick- 
strahlen von der Peripherie das Geschenk des Opferrauches als Licht, 
das Innere der Sonne durchleuchtend, das Geschenk der Geister der 
Weisheit zuriickgebend und die Sphare der Sonne in dieser Weise 
schaffend. Sie besteht schenkend aus Glut und Opferrauch. An der 
aufteren Peripherie sitzen die Erzengel, die Schopfer des Lichtes, die 
das, was zuerst auf der Sonne da ist, spater abbilden; es braucht Zeit, 
dann aber kommt es zuriick als Licht. Was bewahren also die Erzengel? 
Sie bewahren das Friihere; die Gaben der Geister der Weisheit, die sie 
nehmen, strahlen sie zuriick; aber was in der Zeit war, geben sie zuriick 
als Raum, und indem sie es als Raum zuriickstrahlen, geben sie zuriick 
das, was sie selbst durch die Archai, die Anfange, erhalten haben. Da- 
durch sind sie die Engel des Anfanges, weil sie das in spateren Zeiten 
wirksam machen, was friiher war. Archangeloi, Boten des Anfanges 
sind sie! 



Es ist ganz wunderbar, wenn aus der wirklichen okkulten Erkenntnis 
heraus ein solches Wort wieder auftaucht und wir uns dann iiberlegen, 
wie dieses Wort aus uralten Traditionen - auf dem Wege iiber die Schule 
Dionysius' des Areopagiten, der ein Schiiler des Paulus war - uns 
iiberkommt. Es ist wunderbar zu sehen, daft dieses Wort so gepragt 
ist, daft, wenn wir es unabhangig von dem, was da stent, wiederent- 
wickeln, das entsteht, was da war. Das muft mit der groftten Ehrfurcht 
erfiillen, und wir fiihlen uns dann verbunden mit den alten heiligen 
Schulen der Weiheweisheit, der Weihewissenschaft, so daft wir gleich- 
sam fiihlen, wie wenn dieses Alte in uns einstromen wiirde, indem wir 
es verstandnisvoll ergreifen, nachdem wir uns selbst die Moglichkeit 
geschaffen haben, es unabhangig von dem Alten aufzunehmen. Wer nur 
ein wenig fiihlen kann das Stimmen der alten Ausdriicke, die uns iiber- 
liefert sind, ohne daft wir auf diese Ausdriicke Riicksicht nehmen, der 
fiihlt sich hineingestellt in das Walten der Zeitengeister durch den 
Menschengeist hindurch. Es ist eine wunderbare Art des Sich-verbun- 
den-Fiihlens mit der ganzen menschlichen Evolution, was da heraus- 
kommt; ein Sich-sicher-Fiihlen bei diesen Dingen. 

Das Andenken an die Urbeginne bewahren die Erzengel. Was aber 
auf irgendeinem der Planeten vorhanden war, das wiederholt sich in 
einer spateren Zeit, nur daft das Spatere immer anderes noch hinzufiigt, 
so daft uns das Wesen der Sonne in gewisser Weise wieder entgegentritt 
in dem, was uns auf unserer Erde entgegentritt. 

Die ganze Vorstellung, die ganze Empfindung, die wir uns hier an- 
eignen konnten, die uns ein Bild gibt von den opfernden Thronen, von 
den opferempfangenden Cherubim, von der Glut, die aus dem Opfer 
ausstromt, von dem Opferrauch, der sich luftartig verbreitet, von dem 
Licht, das zuriickgestrahlt wird von den Erzengeln, die das bewahren, 
was in den Anfangen geschehen ist, fur die spateren Zeiten: diese Emp- 
findung ist etwas, was in uns hervorrufen kann ein richtiges Verstandnis 
alles dessen, was zusammenhangt mit den Schopfungen, die aus einer 
solchen Empfindung hervorgehen. 

So haben wir an diesem Milieu, das ich eben als Seelenmilieu geschil- 
dert habe, mehr geistig aufgefaftt, was wir friiher an einem mehr physi- 
schen Bilde gewonnen haben. Und wir werden nun sehen, daft aus 



diesem Milieu heraus geboren wird, was auf der Erde als Christus- 
Wesenheit aufgetreten ist; und wir werden nur verstehen, was auf die 
Erde durch die Christus-Wesenheit gebracht wird, wenn wir uns an- 
eignen den Begriff der schenkenden Tugend, der gnadewirkenden Tugend 
in ihrer Zuruckstrahlung in dem Lichte des Weltenalls in der inneren 
Substanz des Sonnenmaftigen, die durchdrungen und durchleuchtet ist 
von diesem Licht. Wenn wir dies zum Bilde erheben, was wir eben 
beschrieben haben, und in eine Imagination umwandeln und uns den- 
ken, daft das alles von diesem Wesen mitgebracht wird auf die Erde, auf 
der Erde sich auslebt, dann werden wir das eigentliche geistige Wesen 
des Christus-Impulses wieder noch tiefer empfinden konnen. Wir wer- 
den dann verstehen, welche dunkle Ahnung in der Menschenseele leben 
kann, wenn diese Menschenseele gegeniiber irgendeiner Darstellung 
empfindet, daft das, was eben beschrieben worden ist, in einer gewissen 
Weise wieder lebendig werden kann auf der Erde. 

Denken wir uns einmal, es konnte das, was eben von der Sonne be- 
schrieben worden ist, in eines Wesens Seele ganz und gar sich konzen- 
trieren, konnte sich zusammendrehen und mitgenommen werden, um 
spater wieder zu erscheinen. Und es wiirde wieder erscheinen auf der 
Erde und so wirken, daft es aus dem, was aus der uralten Opfertat und 
dem Opferrauch, der lichtschaffenden Zeit und der schenkenden Tugend 
geschaffen ist, den Extrakt der Gnadewirkung iiberbringen und ihn 
widerspiegeln wiirde aus dem Weltall der Warmeseligkeit, der Lichtes- 
herrlichkeit. Denken wir das alles in einer Seele konzentriert, es gebend 
dem Erdendasein, um sich versammelt die, welche jetzt als Erdenwesen 
berufen sein sollen, dies wieder zuriickzustrahlen, dies zu bewahren fur 
den Rest des Erdendaseins: In der Mitte der aus dem Opfer heraus und 
durch das Opfer Schenkende, um ihn herum die, welche es empfangen 
sollen; damit verbunden zugleich das, was das Opfer ist, und alles, was 
damit zusammenhangt, gleichsam iibersetzt in irdisches Dasein. Und 
andrerseits die Moglichkeit, dieses Opfer zu zerstoren, so daft alles, 
was dem Menschenwesen gegeben werden kann als Gnadewirkung, 
ebensogut angenommen wie zuriickgewiesen werden kann. Denken wir 
uns das alles in eine Intuition verkorpert, dann kann man eine solche 
Empfindung haben gegeniiber dem «Abendmahl» des Leonardo da 



Vinci: die ganze Sonne mit den Opferwesen, mit den Wesen der schen- 
kenden Tugend, mit den Wesen der Warmeseligkeit, der Lichtesherr- 
lichkeit seelisch gefafk - zuriickgestrahlt von denen, die erkoren sind, 
zu bewahren aus den friiheren Zeiten in die spateren Zeiten; fiir die 
Erde hergerichtet dadurch, dafi es auch zuriickgewiesen werden kann 
in dem Verrater. 

Das Wesen der Erde, insofern das Wesen der Sonne auf der Erde 
wiedererscheint, man kann es so empfinden. Und wenn dies nicht in 
aufierlicher, intellektueller Weise, sondern in wahrhaft kiinstlerischer 
Weise gefuhlt wird, dann hat man etwas von dem empfunden, was die 
eigentlich treibende Kraft in einem so groften Kunstwerke ist, das 
gleichsam den Extrakt des Erdendaseins wiedergibt. Und wenn wir das 
nachste Mai sehen werden, wie herauswachst aus dem Sonnenmilieu 
der Christus, dann werden wir noch besser das verstehen, was schon 
ofter gesagt ist: Wenn ein Geist aus dem Mars herunterkame auf die 
Erde und alles sehen wiirde, was er nicht verstehen wiirde, dann wiirde 
er vielleicht kein Snick der Erde begreifen, aber er wiirde die eigentliche 
Erdenmission verstehen, wenn er das «Abendmahl» von Leonardo da 
Vinci auf sich wirken lassen konnte. Da wiirde ein solcher Marsbewoh- 
ner sehen konnen, wie das Sonnendasein hineingeheimnifk sein mufi 
in das Erdendasein, und alles, wovon man ihm sagen wiirde, daft es die 
Erde bedeutet, wiirde ihm dadurch klar werden. Dal5 die Erde etwas 
bedeutet, das wiirde er verstehen, und er wiirde wissen, um was es sich 
auf der Erde handelti Er wiirde sich sagen: Da mag sonst auf der Erde 
vorgehen, was nur fiir irgendeinen Winkel des Erdendaseins Bedeutung 
hat. Aber konnte diese Tat wirklich dargestellt werden - die Tat, die 
mir hier entgegenstrahlt aus den Farben, wenn ich die Mittelgestalt mit 
den umgebenden zusammenhalte -, dann fiihle ich, was die Geister der 
Weisheit empfunden haben auf der Sonne, was uns hier wieder entgegen- 
tont in dem Wort: «Dies tut zu meinem Angedenken!» Die Bewahrung 
des Friiheren in dem Spateren: dieses Wort wird uns erst verstandlich, 
wenn wir es begreifen aus dem ganzen Weltenzusammenhange heraus, 
den wir jetzt kennengelernt haben. — Ich wollte nur andeuten, wie so 
etwas wie eine kiinstlerische Tat allerersten Ranges zusammenhangt 
mit dem ganzen Weltenwerden. 



Das nachste Mai wird es unsere Aufgabe sein, das Christus-Wesen 
aus dem geistigen Wesen der Sonne heraus zu begreifen, um dann 
iiberzugehen zu dem geistigen Wesen des Mondes. 



DRITTER VORTRAG 



Berlin, 14. November 1911 



In unseren beiden letzten Betrachtungen hier haben wir versucht, den 
Hinweis darauf zu erbringen, wie hinter allem Materiell-Stofflichen 
unserer Welterscheinungen Geistiges zu suchen ist. Wir haben versucht, 
zunachst das Geistige, das sich hinter den Warmeerscheinungen, dann 
hinter den Erscheinungen der stromenden Luft findet, zu charakteri- 
sieren. Wir muftten, da wir ja, um solche Charakteristiken geben zu 
konnen, in sehr fruhe, urferne Vergangenheiten unserer Entwickelung 
zuriickzugreifen hatten, wir muftten bei unserer Schilderung jener gei- 
stigen Verhaltnisse, die dem Materiellen zugrunde liegen, in unser eige- 
nes Seelenleben blicken. Denn es ist selbstverstandlich notwendig, daft 
man irgendwoher die Vorstellungen nimmt, mit denen man etwas 
charakterisiert. Worte allein tun es nicht, sondern wir miissen ganz 
bestimmte Vorstellungen haben. Wir haben gesehen, daft die geistigen 
Verhaltnisse, auf die wir uns dabei beziehen miissen, zum Teil so feme 
liegend alledem sind, was der Mensch gegenwartig erlebt, wovon der 
Mensch gegenwartig wissen kann, daft wir selbst in unserem Seelen- 
leben, in unserem eigenen Geistesleben an seltene Zustande, an gar nicht 
allgemeine Verhaltnisse appellieren muftten. Wir haben gesehen, daft 
wir das tiefste Wesen aller Warme- und Feuerverhaltnisse ganz weit 
abseits von dem suchen muftten, was aufterlich physikalisch Feuer oder 
Warme ist. Gewift mufi es dem Menschen der Gegenwart recht grotesk 
erscheinen, wenn als das Wesen aller Feuer- und Warmeverhaltnisse der 
Welt das Opfer erkannt worden ist, das Opfer ganz bestimmter Wesen- 
heiten, die wir auf dem alten Saturnzustand der Erde in einem gewissen 
Entwickelungszustand angetroffen haben, der Throne, die ihr Opfer 
den Cherubim damals darbrachten. Und in Wahrheit, muftten wir 
sagen, besteht ein solches Opfer, wie es damals seinen Ausgangspunkt 
genommen hat in der Weltentwickelung, in allem, was uns aufterlich, 
in Maja oder Illusion, in den Warme- oder Feuerverhaltnissen erscheint. 

Ebenso haben wir das letzte Mai erkannt, daft hinter allem, was wir 
nennen konnen stromende Luft oder stromende Gase, wiederum etwas 



sehr, sehr Femes liegt, dasjenige, was wir «schenkende Tugend» ge- 
nannt haben, das hingebungsvolle Ausgieften des eigenen Wesens geisti- 
ger Wesenheiten, Das liegt in jedem Windhauch, in aller stromenden 
Luft. Was also aufterlich physisch wahrgenommen wird, ist wirklich 
nur eine Illusion, eine Maja; und wir haben erst die richtige Vorstellung, 
wenn wir von der Maja vorschreiten zu dem Geistigen, zu dem Spiri- 
tuellen. Im Wahrhaftigen der Welt ist Feuer oder Warme oder Luft 
ebensowenig vorhanden, wie im Spiegelbild der Mensch, der sich im 
Spiegel sieht, vorhanden ist. Denn wie ein Spiegelbild im Grunde ge- 
nommen eine Illusion im Verhaltnis zum Menschen ist, so sind Feuer 
oder Warme oder Luft Illusionen, und die Wahrheiten dahinter ver- 
halten sich in Wirklichkeit so wie der wahrhaftige Mensch zu seinem 
Spiegelbilde. Nicht Feuer oder Luft haben wir zu suchen in der Welt 
des Wahrhaftigen, sondern Opfer und schenkende Tugend. 

Dabei sind wir aufgestiegen, indem wir zu dem Opfer sozusagen 
hinzutreten sahen die schenkende Tugend, von dem alten Saturnleben 
zu dem alten Sonnenleben. Innerhalb des letzteren, das heiftt der zwei- 
ten kosmischen Verkorperung unserer Erde, finden wir etwas, was uns 
wieder einen Schritt naher fiihren wird den wahrhaftigen Verhaltnissen 
unserer Entwickelung. Und wir miissen heute wieder einen Begriff ein- 
fuhren, der der Welt des Wahrhaftigen angehort gegeniiber der Welt 
der Illusion. Bevor wir also zu den eigentlichen Verhaltnissen der Ent- 
wickelung iibergehen, wollen wir uns einen bestimmten Begriff aneignen. 
Wir gehen dabei von folgendem aus. 

Wenn der Mensch im aufieren Leben irgend etwas tut, irgend etwas 
vollzieht, so liegt dem in der Regel sein Willensimpuls zugrunde. Was 
der Mensch tut, sei es nun eine Handbewegung oder sei es die grdfke 
Tat, iiberall liegt ein Willensimpuls zugrunde. Von diesem geht dann 
alles iibrige aus, was zu einer Tat, zu einer Verrichtung des Menschen 
fiihrt. Der Mensch wird nun zunachst sagen: zu einer starken, kraftigen 
Tat, die, sagen wir, viel Heil und Segen bringen soil, gehore ein starker 
Willensimpuls, und zu einer weniger bedeutsamen Tat gehore ein 
schwacher Willensimpuls. Und im allgemeinen wird der Mensch zu 
der Annahme geneigt sein, daft von der Starke des Willensimpulses die 
Grofte der Tat abhangt. 



Nun ist das aber nur bis zu einem gewissen Grade richtig, daft wir, 
wenn wir unseren Willen verstarken, Groftes in der Welt erreichen. 
Von einem gewissen Punkt an ist das namlich nicht mehr der Fall. Ge- 
wisse Taten, die der Mensch tun kann, Taten, die sich vor alien Dingen 
auf die geistige Welt beziehen, hangen nun nicht ab von der Verstarkung 
unserer Willensimpulse, sonderbarerweise. Gewift, in der physischen 
Welt, in der wir zunachst leben, wird die Grofte der Tat abhangen von 
der Grofte des Willensimpulses, denn wir miissen uns starker anstrengen, 
wenn wir mehr erreichen wollen. Aber in der geistigen Welt ist das gar 
nicht so, sondern da tritt das Gegenteil von dem ein. Da ist es so, daft 
zu den groftten Taten, zu den groftten Wirkungen, konnen wir besser 
noch sagen, nicht eine Verstarkung des positiven Willensimpulses not- 
wendig ist, sondern vielmehr eine gewisse Resignation, ein Verzicht. 
Wir konnen da schon von den kleinsten, rein geistigen Tatsachen aus- 
gehen. Wir erreichen eine gewisse geistige Wirkung nicht dadurch, daft 
wir moglichst unsere Begehrlichkeit in Szene setzen, oder moglichst 
geschaftig sind, sondern in der geistigen Welt erreichen wir gewisse 
Wirkungen dadurch, daft wir unsere Wunsche und Begierden bezahmen 
und auf deren Befriedigung verzichten. 

Nehmen wir einmal an, ein Mensch habe es darauf abgesehen, durch 
innere geistige Wirkungen etwas in der Welt zu erreichen. Dann muft 
er sich dazu dadurch vorbereiten, daft er vor alien Dingen seine Wunsche, 
seine Begierden unterdriicken lernt. Und wahrend man in der Welt des 
Physischen kraftiger wird, sagen wir, wenn man gut iftt, wenn man sich 
gut ernahrt und dadurch mehr Krafte hat, wird man - es ist das jetzt 
nur eine Schilderung, kein Rat! - in der geistigen Welt Bedeutsames in 
einer gewissen Weise gerade dann erreichen, wenn man fastet oder in 
einer anderen Weise etwas tut, um die Wunsche und Begierden zu 
unterdriicken, zu bezahmen. Und zu den groftten geistigen Wirkungen, 
sagen wir zu magischen Wirkungen, gehort immer eine solche Vorbe- 
reitung, die zusammenhangt mit Verzicht auf Wunsche, Begierden, 
Willensimpulse, die in uns auftreten. Je weniger wir «wollen», je mehr 
wir uns sagen: Wir lassen das Leben an uns voriiberstromen und be- 
gehren nicht dies und begehren nicht jenes, sondern nehmen die Dinge, 
wie sie uns Karma zuwirft -, je mehr wir so Karma und seine Wirkun- 



gen hinnehmen und ruhig uns verhalten in einem Verzicht in bezug auf 
alles, was wir sonst im Leben erreichen wollen fur dieses Leben, desto 
kraftiger werden wir zum Beispiel in bezug auf Gedankenwirkungen. 

Bei einem Menschen, der ein sehr begierdenvoller Mensch ist, der es 
vor alien Dingen liebt, recht gut zu essen und zu trinken und auch sonst 
begierdenvoll ist, bei dem wird sich herausstellen, wenn er zum Beispiel 
Lehrer oder Erzieher ist, daft seine Worte, die er an seine Zoglinge 
richtet, nicht viel erreichen; das geht bei den Zoglingen zum einen Ohr 
hinein, zum anderen heraus. Er wird dann der Meinung sein, daft dies 
die Schuld der Zoglinge ware. Das ist aber nicht immer der Fall. Der 
Mensch, der eine hohere Lebensauffassung hat, der ma&g lebt, der nur 
so viel iftt, als notig ist, um das Leben zu unterhalten, der vorzugs- 
weise darauf bedacht ist, die Dinge, die das Schicksal gibt, hinzunehmen, 
der wird allmahlich merken, daft seine Worte eine groftere Kraft haben; 
ja, sein Blick kann dann schon eine grofte Kraft haben, und es braucht 
nicht einmal zum Blick zu kommen, er braucht nur neben dem Zogling 
zu sein, braucht nur einen aufmunternden Gedanken zu haben, den er 
gar nicht auftert: das wird auf den Zogling iibergehen. Das alles hangt 
ab von dem Grade des Verzichtes, der Resignation gegeniiber dem, was 
der Mensch sonst verlangt. 

Nun ist fur geistige Betatigungen, um geistige Wirkungen in den 
hoheren Welten zu erzielen, der richtige Weg der, welcher durch den 
Verzicht geht. In dieser Beziehung bestehen viele Tauschungen; und 
Tauschungen fiihren nicht - deshalb, weil sie auch im Aufieren so ahnlich 
aussehen - zu den richtigen Wirkungen. Sie alle kennen das, was man 
im gewohnlichen Leben die Askese, die Selbstpeinigung nennt. Diese 
Selbstpeinigung kann in vielen Fallen geradezu eine Wollust sein, die 
der Betreffende aus der Begierde heraus wahlt, zum Beispiel, um viel 
zu erreichen, oder sei es auch aus einem anderen Begierdequell, um der 
Wollust willen. Dann wirkt die Askese nichts; denn sie hat nur dann 
eine Bedeutung, wenn sie als Begleiterscheinung des schon im Geistigen 
wurzelnden Verzichts auftritt. Diesen Begriff wollen wir uns eben an- 
eignen: den Begriff des schopferischen Verzichtes, der schopferischen 
Resignation. Es ist ungeheuer wichtig, daft wir diesen Verzicht, diese 
schopferische Resignation, die wir ja in der Seele erleben konnen, wie- 



der als eine dem alltaglichen Leben fernliegende Vorstellung aufnehmen: 
dann werden wir einen Schritt tiefer in die Menschheitsevolution hin- 
eingefiihrt werden konnen. Denn so etwas geschieht im Verlaufe der 
Evolution, zum Beispiel beim Heriibergang der Entwickelung von den 
Sonnenverhaltnissen zu den Mondverhaltnissen. So etwas wie Resignie- 
ren geschieht im Bereiche der Wesenheiten der hoheren Welten, von 
denen wir ja wissen, daft sie mit dem Fortgang der Erdentwickelung 
zusammenhangen. Und zwar wollen wir da noch einmal die alte Sonnen- 
entwickelung ins Auge fassen. Aber machen wir zunachst noch auf 
etwas aufmerksam, was wir schon wissen, was uns aber bis jetzt noch 
in mancher Hinsicht ratselhaft erscheinen kann. 

Wir haben wiederholt aufmerksam gemacht auf solche Vorgange in 
der Entwickelung, die wir zuriickzufiihren haben auf Wesenheiten, die 
im Laufe der Entwickelung zuriickgeblieben sind. So wissen wir, daft 
eingreifen in unsere Erdenmenschheit die luziferischen Wesenheiten. 
Wir haben wiederholt darauf aufmerksam machen miissen, daft diese 
luziferischen Wesenheiten deshalb in unseren astralischen Leib wahrend 
der Erdentwickelung eingreifen, weil sie die Entwickelungsstufe, die sie 
wahrend der alten Mondenentwickelung hatten erreichen konnen, nicht 
erreicht haben. Wir haben oftmals den trivialen Vergleich gebraucht, 
daft nicht nur in unseren Schulen die Schiiler sitzenbleiben, sondern 
daft auch die Weltenwesen in der groften kosmischen Evolution sitzen- 
bleiben auf ihren Entwickelungsstufen und spater eingreifen in die Ent- 
wickelungsstufen von Wesenheiten und dann ahnliches bewirken wie 
die luziferischen Wesenheiten, die auf dem alten Monde zuriickgeblie- 
ben sind, an dem Menschen auf der Erde. 

Demgegeniiber konnte man nun sehr leicht den Gedanken aufwerfen: 
Eigentlich sind diese Wesenheiten fehlerhafte Wesenheiten, Schwach- 
linge der Weltentwickelung; denn warum sind sie sitzengeblieben? - 
Das ist der eine Gedanke, der uns kommen kann. Aber der andere 
Gedanke, den wir auch fassen konnen, ist der: daft der Mensch nie zu 
seiner Freiheit, zur selbsteigenen Entschlieftungsfahigkeit gekommen 
ware, wenn die luziferischen Wesenheiten nicht auf dem Monde zu- 
riickgeblieben waren. So daft der Mensch den luziferischen Wesenheiten 
auf der einen Seite im Oblen das verdankt, daft er Begierden, Triebe, 



Leidenschaften in seinem Astralleib hat, die ihn fortwahrend in der 
Entwickelung von einer gewissen Hohe herabdrangen, ihn nach niede- 
ren Regionen seines Seins hinziehen. Andererseits aber, wenn dies nicht 
der Fall ware, daft der Mensch bose werden kann, daft er abirren kann 
von dem Guten durch die Kraft der luziferischen Wesenheiten in seinem 
Astralleib, konnte er auch nicht frei handeln, konnte er nicht das haben, 
was wir Freiheit des Willens, Willkiir nennen. Wir miissen also sagen, 
auch unsere Freiheit verdanken wir den luziferischen Wesen. Daraus 
geht also schon hervor, daft die einseitige Auffassung, als ob die luzife- 
rischen Wesenheiten nur den Menschen herabbrachten, nicht zutrifft, 
sondern daft der Mensch ihr Zuriickbleiben als etwas Gutes ansehen 
muft, als etwas, ohne das er gar nicht hatte seine Menschenwiirde im 
wahren Sinne des Wortes erringen konnen. 

Nun liegt alledem, was wir fur die luziferischen und ahrimanischen 
Wesenheiten ein solches Zuriickbleiben nennen, etwas viel Tieferes 
zugrunde, was uns zwar schon auf dem alten Saturn entgegentritt, aber 
dort so schwer erkennbar, daft wir kaum in irgendeiner Sprache Worte 
finden konnten, um das, was da zugrunde liegt auf dem alten Saturn, 
zu charakterisieren. Wenn wir dagegen zum alten Sonnendasein vor- 
schreiten, konnen wir es ganz deutlich charakterisieren, wenn wir den 
heute zuerst beschriebenen Begriff der Resignation, des Verzichts ins 
Auge fassen. Denn allem solchen Zuriickbleiben von Wesenheiten, 
allem solchen Hereinwirken durch das Zuriickbleiben liegt zugrunde 
Resignation oder Verzicht hoherer Wesenheiten. So konnen wir sehen, 
daft folgendes auf der Sonne auftritt. Wir haben gesagt, daft die Throne, 
die Geister des Willens, Opfer darbringen den Cherubim. Diese Opfer 
bringen sie - wie wir das letzte Mai gesehen haben - nicht nur wahrend 
der Saturnzeit dar, sondern sie setzen sie fort wahrend der Sonnenzeit. 
So daft wir auch da im Bilde bekommen haben: die Throne, die Geister 
des Willens, opfernd den Cherubim. Und in der Opferung liegt das 
eigentliche Wesen aller in der Welt existierenden Warme- oder Feuer- 
verhaltnisse. Wahrend der Sonnenzeit konnen wir nun deutlich das 
folgende bemerken, wenn wir in der Akasha-Chronik zuriickschauen: 
die Throne opfern, verbleiben bei ihrer Opfertatigkeit; so daft wir die 
opfernden Throne haben, haben auch eine Anzahl von Cherubim, zu 



denen wir das Opfer aufsteigen sehen, indem sie das, was aus dem 
Opfer flieftt, die Warme, in sich aufnehmen. Aber eine Anzahl von 
Cherubim vollzieht etwas anderes: sie verzichten auf das Opfer, nehmen 
nicht an die Opferung. Daher miissen wir das Bild, das wir das letzte 
Mai vor unsere Seele treten lieften, noch etwas erganzen. 

Wir haben in diesem Bilde die opfernden Throne und die das Opfer 
annehmenden Cherubim; wir haben aber auch solche Cherubim, die 
das Opfer nicht annehmen, sondern wieder zuriickgeben, was als Opfer 
zu ihnen dringt. Das ist aufterordentlich interessant in der Akasha- 
Chronik zu verfolgen. Denn dadurch, daft nun sozusagen die schen- 
kende Tugend der Geister der Weisheit einflieftt in die Opferwarme, 
dadurch sehen wir wie aufsteigend den Opferrauch wahrend der alten 
Sonne, von dem wir gesagt haben, daft er dann durch die Erzengel in 
Form von Licht zuriickgeworfen wird von dem auftersten Umfange der 
Sonne. Aber nun sehen wir etwas anderes noch, wie wenn innerhalb des 
alten Sonnenraumes noch etwas ganz anderes vorhanden ware: Opfer- 
rauch, der aber jetzt nicht bloft durch die Erzengel im Licht zuriick- 
geworfen wird, sondern der von den Cherubim nicht angenommen 
wird, so daft er wie zuriickflieftt, sich zuriickstaut, so daft wir sich 
stauende Opferwolken im Sonnenraume haben: Opfer, das aufsteigt, 
Opfer, das absteigt; Opfer, das angenommen wird, Opfer, auf das ver- 
zichtet wird, das in sich zuriickkehrt. Dieses Sich-Begegnen der eigent- 
lichen spirituellen Wolkengebilde im alten Sonnenraum finden wir 
gleichsam zwischen dem, was wir das letzte Mai das Auftere und das 
Innere, diese beiden Dimensionen auf der Sonne, genannt haben, wie 
eine Trennungsschicht; so daft wir in der Mitte haben die opfernden 
Throne, dann die Cherubim in der Hohe, die das Opfer annehmen, 
dann solche Cherubim, die das Opfer nicht annehmen, sondern es 
zuriickstauen. Durch dieses Zuriickstauen entsteht gleichsam eine Ring- 
wolke; und ganz auften haben wir die zuriickgeworfenen Lichtmassen. 

Stellen Sie sich dieses Bild ganz lebendig vor: daft wir also diesen 
alten Sonnenraum haben, diese alte Sonnenmasse, gleichsam eine kos- 
mische Kugel, aufterhalb welcher nichts vorzustellen ist, so daft wir 
nur den Raum uns zu denken haben bis zu den Erzengeln hin. Stellen 
wir uns weiter vor, daft wir in der Mitte diese Ringbildung aus den sich 



begegnenden angenommenen und zuriickgewiesenen Opfern haben. Aus 
diesen angenommenen und zuriickgewiesenen Opfern entsteht innerhalb 
der alten Sonne etwas, was wir nennen konnen eine Verdoppelung der 
ganzen Sonnensubstanz, ein Auseinandergehen. Mit einer aufteren 
Figur zu vergleichen ist die Sonne in dieser alten Zeit nur, wenn wir 
sie vergleichen mit unserer jetzigen Saturngestalt: der Kugel, die von 
einem Ring umgeben ist, indem diese sich stauenden Opfermassen nach 
einwarts werfen, was in der Mitte ist, und das, was auften ist, wird wie 
eine Ringmasse auften angeordnet. So haben wir die Sonnensubstanz 
eigentlich in zwei Teile getrennt durch die Kraft der sich stauenden 
Opfergewalten. 

Was wird nun dadurch bewirkt, daft auf der Seite gewisser Cheru- 
bim ein solcher Verzicht auf das Opfer eintritt? - Es ist ein aufterordent- 
lich schwieriges Kapitel, dem wir uns da nahern, und Sie werden nur 
in langsamem Meditieren erfassen konnen, was in den Begriffen liegt, 
die jetzt auseinandergesetzt werden. Nur wenn man lange iiber die 
Begriffe, die gegeben werden, nachdenkt, wird man herausfinden, wel- 
che Realitaten diesen Begriffen zugrunde liegen. Die Resignation, von 
der wir gesprochen haben, miissen wir in Verbindung bringen mit etwas, 
dessen Entstehung wir auf dem alten Saturn kennengelernt haben: mit 
der Entstehung der Zeit. Wir haben gesehen, daft mit den Geistern der 
Zeit, den Archai, die Zeit eigentlich erst auf dem alten Saturn entsteht, 
und daft es keinen Sinn hat, vor dem alten Saturn von einer «Zeit» zu 
sprechen. Nun liegt zwar eine Wiederholung darin, aber wir konnen 
doch sagen: die Zeit dauert fort. «Dauern» ist schon ein Begriff, der 
die Zeit in sich enthalt. Wenn also gesagt wird, «die Zeit dauert fort», 
so bedeutet das: Wenn wir in der Akasha-Chronik Saturn und Sonne 
betrachten, so finden wir auf dem Saturn die Entstehung der Zeit, und 
auf der Sonne, daft die Zeit auch vorhanden ist. Wenn nun alle Verhalt- 
nisse so fortgingen, wie wir sie in den beiden letzten Betrachtungen 
charakterisiert haben in bezug auf Saturn und Sonne, so wiirde die Zeit 
ein Element bilden fur alles Geschehen in der Evolution. Wir konnten 
uns die Zeit von keinem Geschehen in der Evolution wegdenken. Wir 
haben ja gesehen, daft die Geister der Zeit entstanden sind auf dem 
alten Saturn, und daft die Zeit allem eingepflanzt ist. Und alles, was wir 



in Bildern, in Imaginationen bisher iiber die Evolution gedacht haben, 
miissen wir uns mit der Zeit in Verbindung denken. Ware also nur 
geschehen, was wir angefuhrt haben: Opferung und schenkende Tugend, 
so ware alles der Zeit unterworfen gewesen. Nichts ware nicht der Zeit 
unterworfen gewesen. Das heiftt, es wiirde alles dem Entstehen und 
Vergehen, was ja der Zeit angehort, unterworfen sein. 

Diejenigen Cherubim nun, welche verzichtet haben auf das Opfer, 
auf das, was gleichsam im Opferrauch liegt, sie haben darauf verzichtet 
aus dem Grunde, weil sie sich damit den Eigenschaften dieses Opfer- 
rauches entziehen. Und zu diesen Eigenschaften gehort vor allem die 
Zeit und damit Entstehen und Vergehen. In dem ganzen Verzicht der 
Cherubim auf das Opfer liegt daher ein den Zeitverhaltnissen Ent- 
wachsen der Cherubim. Sie gehen iiber die Zeit hinaus, entziehen sich 
dem Unterworfensein unter die Zeit. Damit trennen sich gleichsam die 
Verhaltnisse wahrend der alten Sonnenentwickelung so, daft gewisse 
Verhaltnisse, die in der geraden Linie vom Saturn aus weiter fortgehen, 
als Opferung und schenkende Tugend der Zeit unterworfen bleiben, 
wahrend die anderen Verhaltnisse, die von den Cherubim dadurch ein- 
geleitet wurden, dafi diese Cherubim auf das Opfer verzichteten, sich 
der Zeit entreiften und damit sich die Ewigkeit, die Dauer, das Nicht- 
unterworfensein dem Entstehen und Vergehen einverleiben. Das ist 
etwas hochst Merkwiirdiges : wir kommen da wahrend der alten Sonnen- 
entwickelung zu einer Trennung in Zeit und Ewigkeit. Es ist durch die 
Resignation der Cherubim wahrend der Sonnenentwickelung die Ewig- 
keit errungen worden als eine Eigenschaft gewisser Verhaltnisse, die 
wahrend der Sonnenentwickelung eintraten. 

Sahen wir also, indem wir in unsere eigene Seele blickten, gewisse 
Wirkungen aus dieser Seele dadurch erwachsen, daft der Mensch Ver- 
zicht und Resignation in der Seele sich aneignet, so sehen wir, wenn 
wir zunachst nur von der alten Sonne sprechen, daft von gewissen gott- 
lich -geistigen Wesenheiten Unsterblichkeit, Ewigkeit dadurch errungen 
ist, daft sie resignierten auf das Opfer und auf das, was aus den sich 
verbreitenden Gaben der schenkenden Tugend kommen konnte. Sahen 
wir auf dem Saturn die Zeit entstehen, so sehen wir gewisse Verhalt- 
nisse sich der Zeit entreiften wahrend der Sonnenentwickelung. Ich 



habe allerdings gesagt - ich bitte, das wohl zu beachten -, es bereitet 
sich dies schon vor wahrend der Saturnzeit, so daft die Ewigkeit nicht 
erst beginnt wahrend der Sonnenzeit. Aber klar und deutlich zu sehen, 
so daft man es aussprechen kann in Begriffen, ist es erst wahrend der 
Sonnenzeit. Es ist auf dem Saturn so schwach erkennbar, dieses Ab- 
trennen der Ewigkeit von der Zeit, daft unsere Begriffe und Worte sich 
nicht als scharf genug erweisen, um so etwas schon fur den alten Saturn 
und seine Entwickelung zu charakterisieren. 

So haben wir die Bedeutung der Resignation kennengelernt, den Ver- 
zicht der Gotter wahrend der alten Sonnenzeit und die Erringung der 
Unsterblichkeit. Was war nun die weitere Folge davon? 

Aus der «Geheimwissenschaft im Umrift», die in gewisser Beziehung 
noch im Bereich der Maja bleiben muftte, wissen wir, daft auf die Son- 
nenentwickelung die Mondentwickelung folgte, daft am Ende der 
Sonnenzeit alle Verhaltnisse in eine gewisse Dammerung, in ein kosmi- 
sches Chaos eintauchten und wieder als Mond auftauchten. So haben 
wir denn wieder auftauchen zu sehen die Opferung als Warme. Also, 
was auch auf der Sonne blieb als Warme, das sehen wir auch auf dem 
Monde als Warmeverhaltnisse auftauchen. Was schenkende Tugend ist, 
sehen wir als Gas, als Luft auftauchen. Aber auch die Resignation 
dauert fort, der Verzicht auf die Opferung. Was wir «Resignation» 
nannten, ist in all diesem drinnen, was auf dem alten Monde vorgeht. 
Es ist wirklich so: was wir als Resignation erleben konnen, miissen wir 
uns ebenso als Kraft in allem auf dem alten Monde denken, von der 
Sonne heriibergekommen, wie wir uns etwas anderes denken, was in 
der aufteren Welt vorhanden ist. Was Opfer war, erscheint als Warme 
in der Maja; was schenkende Tugend war, erscheint in der Maja als 
Gas oder Luft. Was nun Resignation ist, das erscheint in der aufteren 
Maja als Fliissigkeit, als Wasser. Wasser ist Maja, und es ware nicht da 
in der Welt, wenn nicht geistig zugrunde lage Verzicht oder Resigna- 
tion. Uberall, wo Wasser ist in der Welt, ist Gotterverzicht! Ebenso 
wahr wie Warme eine Illusion ist, und wie dahinter das Opfer ist, wie 
Gas oder Luft eine Illusion ist, und dahinter die schenkende Tugend ist, 
so ist das Wasser als Substanz, als auftere Wirklichkeit nur eine sinn- 
liche Illusion, ein Spiegelbild, und was im Wahrhaftigen davon existiert, 



ist Resignation irgendwelcher Wesenheiten auf das, was sie von anderen 
Wesenheiten erhalten. Man mochte sagen, es kann nur Wasser in der 
Welt rieseln, wenn zugrunde liegt Resignation. Nun wissen wir, daft, 
wahrend die Sonne zum Monde fortschritt, die Luftverhaltnisse sich 
verdichteten zu den Wasserverhaltnissen, Wasser entsteht erst auf dem 
Monde, auf der Sonne gab es noch kein Wasser. Was wir wahrend der 
alten Sonnenentwickelung als sich ballende Wolkenmassen sehen, das 
gerinnt, indem es sich ineinanderdrangt zu einem Dichteren, zum 
Wasser, das auf dem Monde auftritt, zum Mondenmeere. 

Wenn wir dies ins Auge fassen, wird es uns immerhin moglich sein, 
eine Frage, die aufgeworfen werden kann, zu begreifen. Aus der Re- 
signation wird Wasser; Wasser ist eigentlich in Wahrheit Resignation. 
Wir bekommen also einen geistigen Begriff ganz sonderbarer Art fur 
das, was das Wasser eigentlich ist. Aber wir konnen die Frage auf- 
werfen: Es ist doch ein gewisser Unterschied zwischen dem Zustande, 
der eingetreten ware, wenn die Cherubim nicht resigniert hatten, und 
zwischen dem Zustande, der nun dadurch eingetreten ist, daft sie resi- 
gniert haben? Driickt sich dieser Unterschied in irgendeiner Weise 
aus? - Ja, das tut er. Er driickt sich namlich dadurch aus, daft nunmehr 
wahrend der Mondenverhaltnisse deutlich die Folgen jener Resignation 
auftreten. Wenn namlich diese Resignation nicht eingetreten ware, wenn 
die betreffenden verzichtenden Cherubim das ihnen gebrachte Opfer 
angenommen hatten, so hatten sie - jetzt bildlich gesprochen - den 
Opferrauch in ihrer eigenen Substanz drinnen gehabt; was sie selber 
getan hatten, das hatte sich in dem Opferrauch zum Ausdruck gebracht. 
Nehmen wir an, diese Cherubim hatten dieses oder jenes vollzogen. 
Dann ware es erschienen, aufterlich ausgedriickt, durch die sich ver- 
andernden Wolken der Luft, das heiftt, in der aufteren Gestalt der Luft 
wiirde sich ausgedriickt haben, was die nicht resignierenden Cherubim 
mit der Opfersubstanz gemacht hatten. Nun aber haben sie dieselbe 
zuriickgewiesen und sind dadurch allerdings aus der Sterblichkeit in die 
Unsterblichkeit, aus der Verganglichkeit in die Dauer iibergegangen. 
Aber die Opfersubstanz ist zunachst da, sie ist sozusagen entlassen aus 
den Kraften, die sie sonst aufgenommen hatten, und braucht jetzt nicht 
zu folgen den Antrieben, den Impulsen der Cherubim, denn diese haben 



sie entlassen, haben sie zuriickgewiesen. Was geschieht nun mit dieser 
Opfersubstanz? - Es geschieht das, daft andere Wesen sich ihrer be- 
machtigen, die dadurch, daft sie jetzt diese Opfersubstanz nicht in den 
Cherubim haben, von den Cherubim unabhangig werden, selbstandige 
Wesen werden, die neben den Cherubim da sind, wahrend sie sonst 
dirigiert wiirden von den Cherubim, wenn diese die Opfersubstanz 
aufgenommen hatten. Darauf beruht die Moglichkeit, daft das Gegen- 
teil von Resignation eintritt: daft Wesenheiten die ausgeflossene Opfer- 
substanz an sich heranziehen und in ihr handeln. Und das sind die 
Wesenheiten, die zuriickbleiben, so daft das Zuriickbleiben eine Folge 
der Resignation der Cherubim ist. Die Cherubim liefern durch das, 
worauf sie resignieren, den zunickbleibenden Wesenheiten selbst erst 
die Moglichkeit zum Zuriickbleiben. Dadurch, daft ein Opfer abgewie- 
sen wird, konnen andere Wesenheiten, die nicht resignieren, die den 
Wiinschen und Begierden sich hingeben und ihre Wiinsche zum Aus- 
druck bringen, sich des Gegenstandes des Opfers, der Opfersubstanz, 
bemachtigen und sind damit in der Moglichkeit, als selbstandige Wesen- 
heiten neben die anderen Wesen hinzutreten. 

So ist mit dem Hiniibergehen der Entwickelung von der Sonne zum 
Mond, mit dem Unsterblichwerden der Cherubim die Moglichkeit ge- 
geben, daft andere Wesenheiten sich abtrennen in eigener Substantialitat 
von der fortlaufenden Entwickelung der Cherubim, iiberhaupt von den 
unsterblichen Wesenheiten. Wir sehen also, indem wir jetzt den tieferen 
Grund des Zuriickbleibens kennenlernen, daft eigentlich die Urschuld, 
wenn wir von einer solchen Urschuld sprechen wollen, an diesem Zu- 
riickbleiben gar nicht diejenigen haben, welche zuriickgeblieben sind. 
Das ist das Wichtige, daft wir das auffassen. Hatten die Cherubim die 
Opfer angenommen, so hatten die luziferischen Wesenheiten nicht 
zuriickbleiben konnen, denn sie hatten keine Gelegenheit gehabt, sich 
in dieser Substanz zu verkorpern. Damit die Moglichkeit vorhanden 
war, daft Wesenheiten in dieser Weise selbstandig werden, trat vorher 
der Verzicht ein. Es ist also von der weisen Weltenlenkung so einge- 
richtet, daft die Gotter sich ihre Gegner selbst hervorgerufen haben. 
Hatten Gotter nicht verzichtet, so hatten sich Wesenheiten nicht wider- 
setzen konnen. Oder wenn wir trivial sprechen wollen, konnen wir 



sagen, die Gotter hatten gleichsam vorausgesehen: Wenn wir nur so 
fortschaffen, wie wir es getan haben vom Saturn zur Sonne heriiber, so 
werden niemals freie, aus ihrer Willkiir heraus handelnde Wesenheiten 
entstehen. Es mulS, damit solche Wesenheiten entstehen konnen, die 
Moglichkeit gegeben sein, daft uns Gegner im Weltenall erstehen, daft 
wir Widerstande finden in dem, was der Zeit unterworfen ist. Wiirden 
wir nur selbst alles anordnen, so wiirden wir einen solchen Widerstand 
nicht finden konnen. Wir konnten es uns sehr leicht machen, dadurch 
daft wir alles Opfer annahmen, dann wiirde alle Evolution uns unterwor- 
fen sein. Das werden wir aber nicht machen; wir wollen Wesenheiten, 
die frei von uns sind, die sich widersetzen konnen. Daher nehmen wir 
das Opfer nicht an, so daft jene Wesenheiten durch unsere Resignation 
und dadurch, daft sie das Opfer nehmen, unsere Gegner werden! 

So sehen wir, daft wir nicht bei den sogenannten bosen Wesenheiten 
den Grund des Bosen zu suchen haben, sondern bei den sogenannten 
guten Wesenheiten, die erst durch ihre Resignation bewirkt haben, daft 
durch die Wesenheiten, welche das Bose in die Welt bringen konnten, 
das Bose entstanden ist. Nun konnte jemand sehr leicht einwenden - und 
ich bitte, diesen Gedanken recht genau auf Ihre Seele wirken zu lassen -: 
Ich habe bisher eine bessere Meinung von den Gottern gehabt! Ich habe 
bisher die Meinung von den Gottern gehabt, daft sie das, was mensch- 
liche Freiheit in Szene setzen sollte, auch bewirken konnten, ohne die 
Moglichkeit des Bosen zu schaffen. Wie kommt es, daft alle diese guten 
Gotter so etwas wie die menschliche Freiheit nicht ohne das Bose in die 
Welt bringen konnten? - Ich mochte dabei erinnern an jenen spanischen 
Konig, der die Welt so furchtbar kompliziert gefunden hat und der 
deshalb einmal gesagt hat: wenn Gott es ihm iiberlassen hatte, die Welt 
zu schaffen, so wiirde er sie einfacher gemacht haben. - Der Mensch 
mag in seiner Schwache denken, daft die Welt einfacher gemacht werden 
konnte; aber die Gotter wissen es besser, und sie haben es daher dem 
Menschen nicht iiberlassen, die Welt zu schaffen. 

Wir konnten vom Gesichtspunkt der Erkenntniswissenschaft aus 
diese Verhaltnisse auch noch genauer charakterisieren. Nehmen wir an, 
es sollte irgend etwas gestiitzt werden, und man sagt jemandem, das 
konnte man so stutzen, daft man eine Saule aufrichtet und die Sache 



daraufrichtet. Da konnte der Betreffende dann sagen: Eigentlich miiftte 
es auch anders zu machen sein! - Ja> warum sollte es nicht auch anders 
zu machen sein? Oder es konnte jemand sagen, wenn man bei einem 
Bau ein Dreieck braucht: Warum sollte dieses Dreieck nur drei Ecken 
haben? Ein Gott konnte vielleicht ein Dreieck so machen, daft es nicht 
drei Ecken habe! - Aber so viel Sinn es hat, daft ein Dreieck nicht drei 
Ecken haben soli, so viel Sinn hatte es, daft die Gotter die Freiheit 
hatten schaffen sollen ohne die Moglichkeit des Bosen und des Leides. 
Wie zum Dreieck drei Ecken gehoren, so gehort zur Freiheit die Mog- 
lichkeit des Bosen durch die Resignation geistiger Wesenheiten. Das 
alles gehort zur Resignation der Gotter, die dadurch die Evolution ge- 
schaffen haben aus dem Unsterblichen heraus, nachdem sie durch den 
Verzicht auf das Opfer den Grad der Unsterblichkeit genommen hatten, 
um das Bose wieder zuriickzufiihren zum Guten. Die Gotter haben 
nicht vermieden das Bose, was allein die Moglichkeit der Freiheit geben 
konnte. Hatten die Gotter das Bose vermieden, so ware die Welt arm, 
ware nicht mannigfaltig. Die Gotter muftten das Bose um der Freiheit 
willen in die Welt kommen lassen, und sie muftten dafiir fur sich die 
Macht erringen, das Bose wieder in das Gute zuriickzufiihren. Diese 
Macht ist etwas, was als Wirkung nur aus dem Verzicht, aus der Re- 
signation kommen kann. 

Religionen sind immer dazu da, um sozusagen in Bildern, in Imagi- 
nationen auf die groften Weltengeheimnisse hinzuweisen. Wir haben 
heute auf uralte Entwickelungsphasen hingewiesen, und indem wir dem 
Begriff des Opfers und der schenkenden Tugend hinzufugten den Begriff 
der Resignation, haben wir dadurch wieder einen Schritt in das Wahr- 
haftige gegeniiber der Maja und Illusion hinein gemacht. Solche Bilder 
und Begriffe wurden den Menschen auch in den Religionen gegeben. 
Und es gibt etwas innerhalb der biblischen Religion, wodurch sich der 
Mensch aneignen kann den Begriff des Opfers und der Resignation, des 
Zuriickweisens des Opfers. Das ist die Erzahlung von dem opfernden 
Abraham, der seinen eigenen Sohn dem Gotte darbringen soli, und von 
dem Verzicht dieses Gottes auf das Opfer des Patriarchen. Wenn wir 
diesen Begriff des Verzichtes in unsere Seele aufnehmen, dann konnen 
solche Anschauungen in uns hineinkommen, wie wir sie schon geauftert 



haben. Einmal habe ich gesagt: Nehmen wir an, das Opfer des Abraham 
ware angenommen und Isaak geopfert worden. Da von ihm das ganze 
althebraische Volk abstammt, so hatte der Gott durch die Annahme des 
Opfers dieses ganze Volk von der Erde genommen. Alles, was von 
Abraham abstammte, schenkte der Gott durch den Verzicht einer 
Sphare, die aufterhalb seiner ist, entzog es damit seinem Wirkungskreise. 
Hatte er das Opfer angenommen, so hatte er damit die ganze Sphare, 
die sich innerhalb des althebraischen Volkes abspielte, in sich aufge- 
nommen, denn der geopferte Isaak ware dann bei Gott gewesen. So 
aber hat er darauf verzichtet und damit diese ganze Evolutionslinie der 
Erde iiberlassen. - Alle Begriffe der Resignation, des Opfers, konnen 
uns aufgehen bei dem bedeutungsvollen Bilde der Opferung des alten 
Patriarchen. 

Aber noch an einer anderen Stelle unserer irdischen Geschichte kon- 
nen wir dieses Resignieren hoherer Wesenheiten finden, und auch da 
diirfen wir wieder hinweisen auf etwas, worauf wir schon das letzte 
Mai hingewiesen haben: auf das Bild von Leonardo da Vinci, auf das 
«Abendmahl». Stellt es doch die Szene vor, wo wir gleichsam den Sinn 
der Erde vor uns haben, den Christus. Erinnern wir uns, indem wir 
den ganzen Sinn des Bildes durchdringen wollen, an jene Worte, die 
wir auch im Evangelium finden: «K6nnte ich nicht ein ganzes Heer von 
Engeln herbeirufen, wenn ich entgehen wollte dem Opfertode?» Was 
in diesem Moment der Christus annehmen konnte, was ihm selbstver- 
standlich eine leichte Moglichkeit ware, das wird in Resignation, in 
Verzicht zuriickgewiesen. Und der grofke Verzicht des Christus Jesus 
tritt uns da entgegen, wo er durch seinen Verzicht den Gegner selber in 
seine Sphare kommen lalk: den Judas. Wenn wir in dem Christus Jesus 
dasjenige sehen, was wir in ihm sehen konnen, so mussen wir in ihm 
ein Abbild derjenigen Wesenheiten sehen, die wir jetzt eben auf einer 
gewissen Entwickelungsstufe kennengelernt haben, derjenigen, die auf 
das Opfer verzichten muftten, derjenigen, deren Natur Resignation ist. - 
Der Christus resigniert auf das, was geschehen wiirde, wenn er nicht 
den Judas als seinen Gegner auftreten lassen wiirde, wie die Gotter einst 
wahrend der Sonnenzeit selber durch Resignation ihre Gegner hervor- 
gerufen haben. So sehen wir diesen Vorgang wiederholt im Bilde auf 



der Erde: der Christus in der Mine unter den Zwolfen, mit Judas, der 
dasteht als der Verrater so, wie die Gegner der kosmischen Machte 
auftraten. Damit das in die Entwickelung eintreten kann, was der 
Menschheit unendlich wert ist, mufi sich der Christus selbst seinem 
Gegner entgegenstellen. Weil wir an einen so gewaltigen kosmischen 
Augenblick erinnert werden beim Anblick des Abendmahles, wenn wir 
uns die Worte vorhalten: «Wer mit mir den Bissen in die Schiissel 
tauchen wird, der wird mich verraten», weil wir da im irdischen Ab- 
bilde sehen den Gegner der Gotter selbst den Gottern gegeniibergestellt, 
deshalb macht dieses Bild einen so gewaltigen Eindruck. Deshalb durfte 
ich oft sagen: Alles, was ein Marsbewohner sehen wiirde, wenn er 
heruntersteigen konnte auf die Erde, wiirde er vielleicht mehr oder 
weniger interessant finden, wenn er es auch nicht recht verstehen wiirde. 
Beim Anblick aber jenes Bildes von Leonardo da Vinci wiirde er aus 
einer Stelle des Kosmischen, die mit dem Mars ebenso zusammenhangt 
wie mit der Erde, mit der das ganze Sonnensystem zusammenhangt, 
etwas kennenlernen, woraus er den Sinn der Erde erkennen wiirde. 
Was da im irdischen Bilde abgebildet ist, das hat fur den ganzen Kosmos 
eine Bedeutung: das Sich-Entgegenstellen gewisser Machte den unsterb- 
lichen gottlichen Machten. Und indem inmitten seiner Apostel der 
Christus erscheint, der auf der Erde den Tod uberwindet, also den 
Triumph der Unsterblichkeit zeigt, muft auf jenen bedeutungsvollen 
universellen Moment hingewiesen werden, der da eintrat, als sich iiber- 
haupt Gotter absonderten vom zeitlichen Sein und den Sieg iiber die 
Zeit errangen, das heifk, unsterblich wurden. Das kann unser Herz 
fiihlen, wenn wir das «Abendmahl» von Leonardo da Vinci anschauen. 

Sagen Sie nicht, daft der, welcher mit einem naiven Gemiite das 
«Abendmahl» anschaut, dies alles doch nicht weift, was wir heute ge- 
sagt haben. Er braucht es nicht zu wissen. Denn darin besteht das ge- 
heimnisvoll Tiefe der Menschenseele, daft man gar nicht mit dem 
Verstande zu wissen braucht, was die Menschenseele fiihlt. Weift die 
Blume die Gesetze, nach denen sie wachst? Nein, aber sie wachst darum 
doch. Was braucht die Blume die Gesetze, was die Menschenseele einen 
Verstand, um zu fiihlen das ganz unermeftlich Grofie, das vorhanden 
ist, wenn vor dem Auge sich ausbreitet ein Gott und sein Gegner, wenn 



das Hochste, das ausgedriickt werden kann, der Gegensatz von Un- 
sterblichem und Verganglichem, vor uns steht? Das braucht man nicht 
zu wissen, das geht mit magischer Kraft in die Seek iiber, wenn der 
Mensch vor diesem Bilde steht, das als Spiegel des Weltensinnes uns 
da hingemalt ist. Und der Kiinstler brauchte auch nicht in demselben 
Sinne ein Okkultist zu sein, um es hinzumalen. Aber in der Seele des 
Leonardo da Vinci waren die Krafte, die gerade dieses Hochste, Bedeu- 
tungsvollste zum Ausdruck bringen konnten. Deshalb wirken die 
groften Kunstwerke so ungeheuer, weil sie tief verbunden sind mit dem 
Sinn der Weltenordnung. In fruheren Zeiten waren die Kiinstler ver- 
bunden mit dem Sinn der Weltenordnung in dumpfem Bewufttsein, 
ohne daft sie es wuftten. Aber die Kunst wiirde ersterben, wiirde keine 
Fortsetzung erhalten, wenn nicht in Zukunft die Geisteswissenschaft 
als Wissen von diesen Dingen der Kunst eine neue Grundlage gabe. 

Die unterbewuftte Kunst hat ihre Vergangenheit und mit ihrer Ver- 
gangenheit ein Ende erreicht. Die Kunst, welche sich von der Geistes- 
wissenschaft inspirieren laftt, steht im Beginn, im Anfang der Entwicke- 
lung. Das ist die Kunst der Zukunft. So wahr es ist, daft der alte 
Kiinstler nicht zu wissen brauchte, was den Kunstwerken zugrunde 
liegt, so wahr ist es, daft es der zukiinftige Kiinstler wissen muft, aber 
mit jenen Kraften, die wieder eine Art des Unendlichen darstellen, die 
wieder etwas aus dem Vollinhaltlichen der Seele darstellen. Denn der 
hat nicht die Geisteswissenschaft, der sie wieder zu einer Verstandes- 
wissenschaft macht, der sie in Schemen und Paradigmen ausdriickt, 
sondern der hat sie, der bei jedem Begriff, den wir entwickeln - Opfer, 
schenkende Tugend, Resignation -, der bei jedem Worte etwas emp- 
finden kann, was das Wort, was die Idee selbst zersprengen will, was 
hochstens in die Vieldeutigkeit der Bilder ausflieften kann. 

Schemen wird man hinstellen konnen, wenn man glaubt, die Ent- 
wickelung der Welt vollziehe sich in abstrakten Begriffen. Es geht schon 
nicht mehr gut mit Schemen, wenn man lebendige Begriffe, wie Opfe- 
rung, schenkende Tugend und Resignation hinstellen will. Die drei 
Logoi lassen sich in Schemen noch hinstellen, wo man sich unter Logoi 
nicht viel mehr denkt als die fiinf Buchstaben. Wenn wir die Begriffe 
Opfer, schenkende Tugend, Resignation vor uns hinstellen wollen, da 



miissen wir schon solche Bilder vor uns hinmalen, wie wir sie die letzten 
Male beschrieben haben: die opfernden Throne, die ihr Opfer hinauf- 
senden zu den Cherubim, der sich verbreitende Opferrauch, die das 
Licht zuriickwerfenden Erzengel und so weiter. Und wenn wir das 
nachste Mai zum Mondendasein iibergehen, werden wir sehen, wie das 
Bild reicher wird, wie tatsachlich etwas wird hinzutreten miissen wie 
die Verflussigung der sich stauenden Wolkenmassen, die rieseln als 
Mondenmassen, und das Dazutreten der zuckenden Blitze der Sera- 
phim. Da miissen wir zu reicheren Vorstellungen iibergehen, gegeniiber 
denen man sagen wird: Die Zukunft der Menschheit wird schon die 
Moglichkeit finden, auch das kiinstlerische Material, die kiinstlerischen 
Mittel herbeizuschaffen, um fur die auftere Welt zum Ausdruck zu 
bringen, was sonst nur in der Akasha-Chronik zu lesen sein kann. 



VIERTER VORTRAG 



Berlin, 21. November 1911 



Ein schwieriges Kapitel unserer Weltanschauung haben wir nun so weit 
gebracht, daft wir hinter den Erscheinungen der aufteren Sinneswelt 
zum Teil erblicken gelernt haben Geistiges. Von solchen Erscheinungen, 
die zunachst aufterlich wenig davon verraten, daft Geistiges in der eigen- 
tumlichen Form, wie wir dieses Geistige in unserem eigenen Seelenleben 
erfahren, dahintersteht, von solchen Erscheinungen haben wir erkannt, 
daft dennoch geistige Betatigungen, geistige Qualitaten und Eigen- 
schaften dahinterstehen. Was uns so zum Beispiel im gewohnlichen 
Leben als warmehafte Eigenschaft erscheint, als Warme oder Feuer, 
das erkannten wir als den Ausdruck des Opfers. In dem, was als Luft 
uns entgegentritt und wieder zunachst so wenig verrat, wenigstens fur 
unsere Begriffe, daft es geistig ist, darin erkannten wir dasjenige, was 
wir die schenkende Tugend besonderer Weltenwesen nannten. Und im 
Wasser haben wir das erkannt, was Resignation, Verzicht genannt 
werden kann. 

In friiheren Weltanschauungen - darauf sei nur nebenbei aufmerksam 
gemacht - hat man natiirlich schon eher in dem aufteren Stofflichen das 
Geistige geahnt und erkannt, wofur ein Beweis sein kann, daft man be- 
sonders fliichtige Stoffe mit dem Worte «Spiritus» bezeichnet hat, das 
wir heute in eigenschaftlicher Bedeutung anwenden auf das Geistige, 
indem wir sagen «spirituell»; und in der aufteren Welt kann es ja vor- 
kommen, daft die Menschen dieses «spirituell» noch so wenig auf das 
Geistige beziehen, auf das Ubersinnliche, daft einmal, wie einzelnen 
von Ihnen bekannt sein wird, als an einen Munchner Spiritistenverein 
ein Brief adressiert worden ist und man nicht wuftte, was das ist, ein 
Spiritistenverein, man diesen Brief dem Vorsitzenden des Zentralver- 
bandes der Spirituosenhandler aushandigte. 

Indem wir nun heute jenen bedeutungsvollen Obergang betrachten 
wollen, der sich in der Evolution des Erdenplaneten vollzogen hat von 
der alten Sonne zum alten Mond heriiber, werden wir eine andere Art 
der Entwickelung des Geistigen ins Auge fassen miissen. Wir werden 



aber ausgehen miissen von dem, was uns das letzte Mai entgegen- 
getreten ist als der Verzicht. Da haben wir gesehen, daft dieser Ver- 
zicht im wesentlichen darin besteht, daft geistig hochstehende Wesen- 
heiten verzichteten auf die Entgegennahme des Opfers, was ja, wie wir 
erkannt haben, im wesentlichen das Opfer des Willens oder der Wil- 
lenssubstanz ist. Wenn wir uns dies so vorstellen, daft gewisse Wesen- 
heiten das opfern wollen, was ihre Willenssubstanz ist, und ihnen 
durch den Verzicht hoherer Wesenheiten sozusagen verweigert wird 
die Entgegennahme dieses Willens, dann werden wir uns leicht zu 
dem Begriff erheben konnen, daft dann jene Willenssubstanz, welche 
die betreffenden Wesenheiten eigentlich hoheren geistigen Wesenhei- 
ten opfern wollten, zuriickbleiben muft in den betreffenden Wesen- 
heiten, welche opfern wollen und nicht opfern konnen. So sind uns 
damit ohne weiteres im Weltenzusammenhange gegeben Wesenhei- 
ten, welche bereit sind, ihr Opfer darzubringen, also in einer gewissen 
Weise bereit sind, das, was in ihrem Inneren ruht, inbriinstig hinzu- 
geben, aber es nicht konnen und daher in sich behalten miissen. Oder 
anders ausgedriickt bedeutet es, daft diese Wesenheiten eine gewisse 
Verbindung mit hoheren Wesenheiten, die sich ihnen ergeben hatte, 
wenn sie hatten opfern diirfen, durch die Zuriickweisung des Opfers 
nicht haben konnen. 

In personifizierter, man mochte sagen, in weltgeschichtlich symbo- 
lischer Weise tritt uns das entgegen, was wir dabei ins Auge fassen 
sollen - aber es ist dort verscharft - in dem Kain, der dem Abel gegen- 
iibersteht. Auch Kain will sein Opfer hinaufsenden zu seinem Gott. 
Sein Opfer aber ist nicht wohlgefallig, und der Gott nimmt es nicht 
auf. Das Opfer Abels nimmt er auf. Was wir dabei ins Auge fassen 
wollen, ist das innere Erlebnis, das dabei zustande kommen kann, 
daft Kain sein Opfer zuriickgewiesen findet. Wenn wir uns zu der 
Hohe der Auffassung erheben wollen, die dabei in Betracht kommt, 
so miissen wir uns klarmachen, daft wir bei den Regionen, von denen 
wir hier sprechen, nicht solche Begriffe, die bloft eine Bedeutung in 
unserem gewohnlichen Leben haben, hineinschleppen diirfen in die 
hoheren Regionen. Es ware falsch, wenn man davon sprechen wiirde, 
daft durch eine Schuld oder ein Unrecht die Zuriickweisung des Opfers 



zustande kame. Von Schuld oder Siihne, wie wir sie in unserem 
jetzigen gewohnlichen Leben kennen, darf in diesen Regionen noch 
nicht die Rede sein. Wir miissen diese Wesenheiten vielmehr so be- 
trachten, daft es von seiten der hoheren Wesenheiten, welche das 
Opfer zuriickwiesen, ein Verzicht, eine Resignation ist. In dem, was 
wir vor acht Tagen als Seelenstimmung charakterisierten, liegt nichts, 
was Schuld oder Unterlassung ist, sondern es liegt darin alles Grofte 
und Bedeutungsvolle, was in einem Verzicht, in einer Resignation lie- 
gen kann. Das bleibt aber dabei doch bestehen, dafi die anderen We- 
senheiten, welche das Opfer haben bringen wollen, in sich eine Stim- 
mung erzeugen miissen, von der wir fiihlen konnen, dafi damit etwas 
beginnt wie eine, wenn auch auEerordentlich leise Gegnerschaft gegen 
jene Wesen, welche die Opfer zuriickweisen. Deshalb ist dies in bezug 
auf Kain, wo es in einer spateren Zeit uns vorgefiihrt wird, in ver- 
scharftem Mafie dargestellt. Wir werden daher nicht dieselbe Stim- 
mung, die wir bei Kain finden, bei denjenigen Wesenheiten antreffen, 
die sich von der Sonne zum Mond heriiberentwickeln; wir werden 
diese Stimmung bei ihnen in einem anderen MaEe antreffen. Und wir 
lernen die Stimmung, die sich da geltend macht, nur kennen, wenn 
wir, wie wir es in den letzten Vortragen getan haben, wieder in un- 
sere eigene Seele blicken und uns fragen, wo wir in der eigenen Seele 
eine solche Stimmung finden konnen, welche Seelenverhaltnisse uns 
andeuten konnen, wie die Stimmung ist, die sich entwickeln miiftte 
in den Individualitaten, deren Opfergaben zuriickgewiesen worden 
sind. 

Diese Stimmung in uns - und wir kommen da immer naher und 
naher dem irdischen Menschenleben -, die eigentlich jede Seele schon 
kennt in ihrer Unbestimmtheit und zugleich in ihrer qualenden Weise 
in der Art, die wir voll rechnen konnen zu dem, was am nachsten Don- 
nerstage im offentlichen Vortrage «Die verborgenen Tiefen des Seelen- 
lebens» zu besprechen sein wird - diese Stimmung, die jede Seele kennt 
als waltend in den verborgenen Tiefen des Seelenlebens, sie dringt zu- 
weilen herauf an die Oberflache unseres Seelenlebens; dann ist sie 
vielleicht am wenigsten qualend. Aber wir Menschen gehen mit dieser 
Stimmung oftmals herum, ohne daft wir uns derselben in unserem 



Oberbewufttsein recht klar bewuftt sind, und wir haben sie doch in 
uns. Man mochte an das Dichterwort erinnern, um so recht das unbe- 
stimmt Qualerische, das mit der Nuance des Schmerzes Verbundene 
daran hervorzuheben: «Nur wer die Sehnsucht kennt, weift, was ich 
leide.» Gemeint ist die Sehnsucht als Seelenstimmung, Sehnsucht, wie 
sie lebt in den Seelen der Menschen - nicht nur dann, wenn sie dieses 
oder jenes anstreben. 

Um uns hineinzuversetzen in das, was geistig in der Entwickelungs- 
phase des alten Saturn und der Sonne vorging, war notwendig, daft 
wir zu besonderen Seelenzustanden unseren Blick erhoben, die sozu- 
sagen erst eintreten, wenn die menschliche Seele strebend wird, wenn 
sie sich hinauforganisiert zu einem hoheren Streben. Das haben wir 
gesehen, als wir versuchten, uns die Natur des Opfers aus unserem 
eigenen Seelenleben heraus klarzumachen, versuchten, uns klarzuma- 
chen, was der Mensch erlangt als Weisheit, die wir hineintraufeln 
sehen und die entsteht aus dem, was man nennen konnte: Bereitschaft 
zu geben, bereit sein dazu, sich selber sozusagen hinzugeben. Indem 
wir so zu mehr irdischen Verhaltnissen heraufkommen, die sich aus 
fruheren entwickelt haben, treffen wir eine Seelenstimmung, die ahn- 
lich ist manchem, was der Mensch heute noch erleben kann. Nur miis- 
sen wir uns klar sein, daft alles Leben unserer Seele, insofern unsere 
Seele in einen Erdenleib eingefiigt ist, als eine obere Schicht liegt iiber 
einem verborgenen Seelenleben, das unten in den Tiefen ablauft. Wer 
sollte denn nicht wissen, daft es ein solches verborgenes Seelenleben 
gibt? Das Leben belehrt uns hinlanglich dariiber, daft es ein solches 
gibt. 

Nehmen wir nun einmal an, um uns etwas von diesem verborgenen 
Seelenleben klarzumachen, ein Kind habe vielleicht in seinem sieben- 
ten oder achten Jahre oder in einer anderen Lebenszeit dieses oder 
jenes erfahren; es habe zum Beispiel erfahren, wofiir Kinder sehr hau- 
fig ganz besonders empfanglich sind, Ungerechtigkeit - Ungerechtig- 
keit, indem es beschuldigt wurde, dies oder jenes getan zu haben, was 
es in Wahrheit nicht getan hat, aber die Bequemlichkeit der Umge- 
bung des Kindes habe, um wenigstens mit der Sache fertigzuwerden, 
das Kind beschuldigt, dies oder jenes getan zu haben. Kinder haben ein 



ganz besonders reges Empfinden dafiir, wenn ihnen in dieser Weise 
eine Ungerechtigkeit zugefugt wird. Aber, wie das Leben nun ist, 
nachdem sich dieses Erlebnis tief eingefressen hat in das kindliche Le- 
ben, legt das spatere Leben die anderen Schichten des Seelendaseins 
dariiber, und das Kind hat fur alles, was das Alltagsleben betrifft, die 
Sache vergessen. Es konnte nun auch sein, daft eine solche Sache nie- 
mals wieder auftauchen wiirde. Aber nehmen wir jetzt an: im fiinf- 
zehnten, sechzehnten Jahre erfahrt das Kind, sagen wir in der Schule, 
eine neue Ungerechtigkeit. Und jetzt wird das wirksam, was sonst tief 
unten in der wogenden Seele ruht. Das Kind braucht es gar nicht ein- 
mal zu wissen, kann sich ganz andere Vorstellungen und Begriffe bil- 
den, als zu wissen, daft heraufwirkt eine Reminiszenz dessen, was es in 
friiheren Jahren erlebt hat. Ware das aber, was friiher vorgegangen 
ist, nicht geschehen, so wiirde es, wenn zum Beispiel das Kind ein 
Junge ist, nach Hause gehen, ein biftchen weinen, vielleicht auch ein 
biftchen schimpfen, es wiirde aber dariiber hinweggehen. So aber ist 
jenes friihere Ereignis geschehen - und ich betone ausdrucklich, daft 
das Kind nicht zu wissen braucht, was da vorgekommen ist -, und 
das wirkt, wirkt unter der Oberflache des Seelenlebens, wie unter dem 
glatt ausschauenden Meeresspiegel die Wogen aufgeriihrt werden kon- 
nen. Und aus dem, was sonst vielleicht ein Weinen, ein Klagen oder 
ein Schimpfen geworden ware, wird nun ein Schiilerselbstmord! So 
spielen die verborgenen Tiefen des Seelenlebens herauf aus den Unter- 
griinden. Und die wichtigste Kraft, die da unten waltet, die bei jeder 
Seele waltet und zuweilen herauf dringt in ihrer ureigenen Gestalt, 
aber am bedeutsamsten ist, wenn sie so heraufdringt, daft sich der 
Mensch ihrer nicht bewuftt ist, das ist die Sehnsucht. Wir kennen auch 
die Namen, welche diese Kraft fur die auftere Welt hat, die aber doch 
nur metaphorische, unbestimmte Namen sind, weil sie Beziehungen 
ausdriicken, die kompliziert sind und so uberhaupt nicht ins Bewuftt- 
sein heraufkommen. 

Nehmen Sie eine Erscheinung, die Sie alle sattsam kennen - der 
Stadtmensch vielleicht weniger, aber er hat sie doch bei anderen er- 
fahren -, eine Erscheinung, die man mit «Heimweh» bezeichnet. Wenn 
Sie nachgehen wiirden, was das Heimweh in Wirklichkeit ist, so wiir- 



den Sie sehen, daft es im Grunde genommen bei jedem Menschen ein 
anderes ist. Bald ist es so, bald so. Bald sehnt sich der Betreffende 
nach den traulichen Erzahlungen, die er im Elternhause gehort hat; er 
weift nicht, daft er sich nach Hause sehnt; was in ihm lebt, ist ein un- 
bestimmter Drang, ein unbestimmtes Wollen. Ein anderer sehnt sich 
nach seinen Bergen oder nach dem Fluft, an dem er so oft gespielt hat, 
wenn vor ihm Wogen spielten. Was da wirkt in der Seele, dessen ist 
sich der Mensch oft wenig bewuftt, aber wir fassen alle diese verschie- 
denen Eigenschaften zusammen unter dem «Heimweh», etwas aus- 
driickend, was unter tausendfaltiger Verschiedenheit spielen kann, und 
was doch am besten getroffen ist, wenn wir sie als eine Art Sehn- 
sucht kennzeichnen. Noch viel unbestimmter sind die Sehnsuchten, 
die vielleicht als die qualendsten im Leben hervortreten. Der Mensch 
ist sich nicht bewuftt, daft es die Sehnsucht ist, aber sie ist es doch. - 
Aber was ist diese Sehnsucht? Wir haben es eben ausgesprochen, daft 
sie eine Art von Wille ist, und iiberall, wo wir die Sehnsucht priifen, 
konnen wir sehen, daft es eine Art von Wille ist. Aber was fur ein 
Wille? Es ist ein Wille, der so, wie er zunachst ist, nicht befriedigt 
werden kann, denn wird er befriedigt, so hort die Sehnsucht auf. Ein 
sich nicht ausleben konnender Wille ist es, was wir als Sehnsucht be- 
zeichnen. 

So etwas miissen wir als Stimmung bei denjenigen Wesenheiten be- 
zeichnen, deren Opfer zuriickgewiesen worden ist. Was wir in den 
Tiefen unseres Seelenlebens wahrnehmen konnen als Sehnsucht, das ist 
uns geblieben als ein Erbstiick von jenen alten Zeiten, von denen wir 
jetzt sprechen. Wie wir anderes als Erbstucke der alten Entwicke- 
lungsstadien haben, so sind uns geblieben von der Entwickelungsphase, 
von der wir hier sprechen, alle Arten von Sehnsucht, die auf dem 
Grunde der Seele sich finden, alle Arten von nicht zu befriedigendem 
Willen, von zuriickgehaltenem Willen. So haben wir uns auch zu den- 
ken, daft durch das Zuriickweisen des Opfers wahrend dieser Entwicke- 
lungsphase Wesen entstehen, die wir nennen konnen: Wesen mit zu- 
riickgehaltenem Willen. Dadurch, daft sie diesen zuriickgehaltenen 
Willen in sich haben muftten, waren sie in einer ganz besonderen Lage. 
Und man muft sich wieder in eigene Seelenzustande versetzen - denn 



die Gedanken erreichen kaum diese Zustande -, wenn man diese Dinge 
nachfiihlen, nachempfinden will. 

Das Wesen, das seinen Willen hinopfern kann, geht auf in gewisser 
Beziehung in dem anderen Wesen. Auch das kann man fiihlen im 
Menschenleben, wie man lebt und webt in einem Wesen, dem man 
Opfer bringt, wie man sich befriedigt und gliicklich fiihlt, wenn man 
dem Wesen gegeniiberstehen kann, dem man Opfer bringt. Und weil 
wir hier sprechen von der Opferung an hohere Wesen, an umfassen- 
dere, universelle Wesenheiten, zu denen hinaufzuschauen die opfern- 
den Wesen als ihre hochste Seligkeit empfinden miissen, so kann, was 
da zuriickbleibt als zuriickgehaltene Willenssehnsucht, nimmermehr 
dasselbe sein an innerer Stimmung, an innerem Seelengehalt als das, 
was sie erleben konnten, wenn sie opfern diirften. Denn wenn sie opfern 
diirften, ware das Opfer bei den anderen Wesen. Wir dlirfen gleichsam 
den Vergleich gebrauchen: wenn die Erden- und die anderen Planeten- 
wesen der Sonne opfern diirften, dann waren sie bei der Sonne. Wenn 
sie nicht der Sonne opfern diirften, wenn sie zuriickhalten miiftten, was 
sie sonst opfern konnten, dann sind sie bei sich selber, sind in sich 
selber zuriickgedrangt. 

Wenn wir das fassen, was jetzt eben mit einem Worte ausgesprochen 
ist, dann merken wir, daft da etwas ins Weltall hineinkommt. Fassen 
Sie es klar, daft es nicht anders ausgesprochen werden kann: die We- 
sen, die einem anderen Wesen opfern, das in ihnen alien lebt, die hin- 
gegeben waren an ein Universelles, sie sind jetzt, wenn das Opfer nicht 
angenommen wird, darauf angewiesen, es selbst in sich zu tragen. Spii- 
ren Sie nicht, daft da etwas hereinblitzt, was man Egoitat nennt, was 
spater als Egoismus in alien Formen herauskommt? In dieser Weise ins 
Auge gefaftt, muft man fiihlen, was spater - sozusagen in die Entwicke- 
lung hineingegossen - als ein Erbstiick nachlebt in den Wesen. Mit der 
Sehnsucht sehen wir den Egoismus aufblitzen, zunachst in der 
schwachsten Gestalt, aber wir sehen ihn sich hineinschleichen in die 
Weltentwickelung. Und so sehen wir, wie die Wesen, die also der 
Sehnsucht, das heiftt sich selbst, ihrer Egoitat, sich hingeben, in einer 
gewissen Beziehung verdammt werden zur Einseitigkeit, zum bloften 
Leben nur in sich selber, wenn nicht etwas anderes eintreten wiirde. 



Stellen wir uns einmal ein Wesen vor, das opfern darf: das lebt in 
dem anderen Wesen, und es lebt immer in dem anderen. Ein Wesen, 
das nicht opfern darf, kann nur in sich selber leben. Dadurch ist es 
ausgeschlossen von dem, was es in den anderen und in diesem Falle in 
den hoheren Wesen erleben diirfte. Ausgeschlossen von der Evolution 
wiirden schon an dieser Stelle die entsprechenden Wesen, in die Ein- 
seitigkeit hineinverdammt und -verbannt, wenn nicht etwas eintrate, 
was da in die Entwickelung hineinfallt und was die Einseitigkeit hin- 
wegbewegen will. Das ist das Eintreten neuer Wesenheiten, welche die 
Verdammung und Verbannung in die Einseitigkeit hintanhalten. Wie 
auf dem Saturn Willenswesen, wie auf der Sonne Weisheitswesen, so 
sehen wir auf dem Monde die Geister der Bewegung auftreten, wobei 
wir aber nicht raumliche Bewegung uns vorzustellen haben, sondern 
wobei wir «Bewegung» so fassen miissen, daft sie einen mehr gedank- 
lichen Charakter tragt. Jeder kennt den Ausdruck «Denkbewegung», 
obwohl das nur der Ablauf, die Fliissigkeit der eigenen Gedanken ist; 
aber daraus schon werden Sie sehen, daft, wenn wir uns einen umfas- 
senderen Begriff der Bewegung aneignen wollen, wir zur Erklarung 
der Bewegung zu etwas anderem als der bloften Ortsbewegung, die nur 
eine einzelne Gattung der gesamten Bewegung darstellt, greifen miis- 
sen. Wenn viele Menschen einem hoheren Wesen hingegeben sind, das 
sich gleichsam in ihnen alien ausdriickt, weil es von ihnen alien Opfer 
entgegennimmt, so leben alle diese Vielen in dem Einen und sind darin 
befriedigt. Wenn aber die Opfer zuruckgewiesen werden, so leben die 
Vielen in sich selber und konnen nicht befriedigt werden. Da treten die 
Geister der Bewegung ein und fiihren gleichsam die Wesen, welche 
sonst nur auf sich angewiesen waren, zu alien anderen Wesenheiten in 
einer gewissen Weise hin, bringen sie zu den anderen in eine Bezie- 
hung. Die Geister der Bewegung sind zunachst nicht nur als ortsver- 
andernde Wesen zu denken, sondern sie sind solche Wesen, die etwas 
hervorbringen, wodurch ein Wesen in immer neue Beziehungen zu an- 
deren Wesen tritt. 

Man kann sich eine Vorstellung machen von dem, was jetzt damit 
auf dieser Stufe im Kosmos erlangt ist, wenn man wieder auf eine 
entsprechende Seelenstimmung reflektiert. Wer weift nicht, daft die 



Sehnsucht im Menschen, wenn sie anhalt, bleibt, keine Veranderung er- 
leben darf - wer weift nicht, wie qualend es wird und den Menschen in 
einen Zustand bannt, der ihm unertraglich wird, der dann bei den 
flachkdpfigen Menschen zu dem wird, was man «Langeweile» nennt. 
Aber von dieser Langeweile, die man gewohnlich nur den flachkopfi- 
gen Menschen zuschreiben kann, gibt es alle moglichen Zwischenstufen 
bis zu denen, welche den groften, edlen Naturen eigen sind, in denen 
das lebt, was ihre eigene Natur als Sehnsucht ausdruckt, und was nicht 
befriedigt werden kann in der aufteren Welt. Und wodurch wird die 
Sehnsucht mehr befriedigt als durch Veranderung? Der Beweis dafiir ist, 
daft die Wesen, die diese Sehnsucht fiihlen, Beziehungen suchen zu im- 
mer neuen und neuen Wesenheiten. Die Qual der Sehnsucht wird oft 
uberwunden durch das, was veranderte Beziehungen sind zu immer 
neuen Wesenheiten. 

Da sehen wir, als die Erde ihre Mondenphase durchmacht, wie die 
Geister der Bewegung in das Leben der sich sehnenden Wesen, die 
sonst veroden wiirden - und Langeweile ist auch eine Art von Ver- 
odung -, die Veranderung, die Bewegung hineinbringen, die Beziehung 
zu immer neuen und neuen Wesenheiten oder zu immer neuen und 
neuen Zustanden. Die raumliche, ortliche Bewegung ist nur eine Gat- 
tung dieser umfassenderen Bewegung, von der wir jetzt gesprochen 
haben. Eine Bewegung haben wir, wenn wir in der Lage sind, am Mor- 
gen einen bestimmten Gedankeninhalt in der Seele zu haben, diesen 
aber nicht zu behalten brauchen, sondern zu anderem iibergehen kon- 
nen. Da iiberwinden wir die Einseitigkeit in der Sehnsucht durch die 
Mannigfaltigkeit, durch die Veranderung und die Bewegung des Erleb- 
ten. Im Raume drauften haben wir nur eine besondere Art dieser Ver- 
anderung. 

Denken wir uns dazu einen Planeten, der einer Sonne gegeniiber- 
steht. Wiirde er immer in derselben Stellung gegentiber der Sonne sein, 
wiirde er sich nicht bewegen, so wiirde er bei jener Einseitigkeit blei- 
ben, die sich nur ergeben kann, indem er eben nur immer die eine Seite 
der Sonne zuwendet. Da kommen die Geister der Bewegung, fiihren 
den Planeten um die Sonne herum, um Veranderung hineinzubringen 
in seinen Zustand. Ortsveranderung ist nur eine Art der Veranderung 



iiberhaupt. Und indem die Geister der Bewegung die Ortsveranderung 
hineinbringen in den Kosmos, bringen sie nur ein Spezifikum hinein 
in das, was die Bewegung im allgemeinen ist. 

Dadurch aber, daft die Geister der Bewegung in das Weltall, wie 
wir es bisher kennengelernt haben, die Bewegung und die Veranderung 
hineinbringen, mufi noch etwas anderes hineinkommen. Wir haben 
gesehen, daft in dieser Evolution, in der ganzen kosmischen Mannig- 
faltigkeit, die sich da heraufentwickelt als die Geister der Bewegung, 
Geister der Personlichkeit, Geister der Weisheit, des Willens und so 
weiter, auch das Substantielle lebt, was wir genannt haben «schenkende 
Tugend», das Hinflieften desjenigen, was als Weisheit ausgestrahlt 
wird und als Geistiges der Luft, der Gasstromung zugrunde liegt. Das 
flieftt nun mit dem in Sehnsucht umgestalteten Willen zusammen und 
wird in diesen Wesenheiten das, was der Mensch nun kennt - noch 
nicht als Gedanken, sondern als Bild. Am besten vergegenwartigen wir 
uns das an dem Bilde, das der Mensch hat, wenn er traumt. Das fliich- 
tige, fliissige Bild des Traumes kann eine Vorstellung hervorrufen von 
dem, was bei einem Wesen geschieht, in dem der Wille als Sehnsucht 
lebt und von den Geistern der Bewegung in eine Beziehung zu ande- 
ren Wesen gefiihrt wird. Und indem es zu dem anderen Wesen ge- 
bracht wird, kann es ja nicht ganz sich hingeben, da die eigene Egoitat 
in ihm lebt. Aber es kann das fliichtige Bild des anderen aufnehmen, 
das lebt wie ein Traumbild in ihm. Daher das, was wir nennen konnen 
das Auffluten von Bildern in der Seele. Das Aufsteigen des Bilderbe- 
wufttseins sehen wir wahrend dieser Phase der Entwickelung herauf- 
kommen. Und indem wir Menschen selber noch ohne unser heutiges 
Erden-Ich-Bewufttsein diese Phase der Entwickelung durchgemacht ha- 
ben, miissen wir uns vorstellen, daft wir wahrend dieser Entwicke- 
lungsphase dasjenige, was wir heute durch unser Ich erlangen, noch 
nicht haben, daft wir da wesen und weben im Weltall, indem in uns 
etwas lebt, was wir uns heute nur vergegenwartigen konnen, wenn wir 
die Sehnsucht kennen. 

Wir konnten in einer gewissen Weise, wenn wir nicht solche Lei- 
denszustande ins Auge fassen, wie es die irdischen sind, uns vorstellen, 
daft sie gar nicht anders sein konnten als, wie das Dichterwort sagt: 



«Nur wer die Sehnsucht kennt, weifi was ich leide.» In gewisser Weise 
kommt Leid, Schmerz, in seiner seelischen Gestalt natiirlich, in der da- 
maligen Zeit auch in unsere Wesenheiten und in die Wesenheiten ande- 
rer Wesen hinein, die mit unserer Evolution verbunden sind. Und er- 
fiillt wird durch die Tatigkeit der Geister der Bewegung das sonst 
leerbleibende Innere, das von Sehnsucht leidende Innere mit dem Bal- 
sam, der in Form von Bildern hinein sich ergiefit in diese Wesenheiten. 
Sonst waren diese Wesenheiten leer in ihrer Seele, leer von jeglichem 
anderen, was nicht Sehnsucht zu nennen ware. Aber hinein traufelt der 
Balsam der Bilder, welche die Ode und Leerheit mit Mannigfaltigkeit 
ausfullen und die Wesen so hinwegfiihren uber das Verbannt- und Ver- 
dammtsein. 

Wenn wir solche Worte ernst nehmen, haben wir zu gleicher Zeit 
das, was geistig zugrunde liegt dem, was sich wahrend der Mond- 
phase unserer Erde entwickelt hat und was wir jetzt, weil sich dar- 
iibergelagert hat die Erdenphase unseres Wesens, in den tiefen Unter- 
griinden unseres Bewulkseins haben. Aber wir haben es - und in einer 
popularen Weise soli das iibermorgen im offentlichen Vortrage gezeigt 
werden - so in den Untergriinden unserer Seele, daft es, wie das, was 
unten wirbelt unter der Oberflache des Meeres und nach oben Wellen 
treibt, sich abspielen kann, ohne dafi man weifi, was die Griinde dessen 
sind, was dann ins Bewulksein eintritt. Unter der Oberflache unseres 
gewohnlichen Ich-Bewufitseins haben wir ein solches Seelenleben, das 
da heraufspielen kann. Und was sagt dieses Seelenleben dem Men- 
schen, wenn es heraufspielt? Wenn wir ins Auge fassen den kosmischen 
Untergrund dieses unterbewulken Seelenlebens, so konnen wir sagen: 
Das Seelenleben, das wir so heraufkommen spiiren aus seelischen Un- 
tergriinden, ist ein Heraufschlagen dessen, was sich da aus der Monden- 
phase der Entwickelung hineinbewegt hat in das, was wahrend der 
Erdenphase selbst in uns hineingekommen ist. Und wenn wir so recht 
ins Auge fassen das Zusammenspiel der Mondennatur mit unserer Er- 
dennatur, dann haben wir den eigentlichen Grund dessen, was von 
dem alten Monde geistig herubergefuhrt hat zum Erdendasein. 

Fassen Sie ins Auge, dafi es, wie wir es charakterisiert haben, not- 
wendig war, daft immer Bilder auftauchen mufken, die eine Ode zu 



befriedigen hatten. Dann kommt Ihnen ein Begriff von einem schwe- 
ren Gewicht, von einer groften Bedeutung: die sehnende Menschen- 
seele in ihrer sehnsuchtvollen, qualenden Leerheit, die diese Sehnsucht 
befriedigt oder harmonisiert erhalt durch das Hereinspielen von Bil- 
dern, die wiederum nur an die Stelle von anderen Bildern treten kon- 
nen. Und wenn die Bilder da sind und eine Weile dagewesen sind, 
dann dammert sie wieder auf aus den Untergriinden, die aite Sehn- 
sucht, und nach neuen Bildern fiihren sie die Geister der Bewegung. 
Und sind die neuen Bilder wieder eine Weile dagewesen, so schlagt 
die Sehnsucht wieder an nach neuen Bildern. Und das gewichtige Wort 
miissen wir aussprechen in bezug auf solches Seelenleben: Wenn die 
Sehnsucht nur befriedigt wird durch Bilder, welche neuen Bildern 
nachjagen, so ist das die fortflieftende Unendlichkeit ohne Ende. Da 
hinein kann nur das kommen, was kommen mufi, wenn an die Stelle 
der in die Unendlichkeit fortflieftenden Bilder etwas tritt, was die 
Sehnsucht erlosen kann durch etwas anderes als bloft durch Bilder, 
namlich durch Realitaten. Das heiftt mit anderen Worten: diejenige 
planetarische Verkorperung unserer Erde, in der wir durchgemacht 
haben die Phase, daft die Bilder, die herbeigefuhrt werden durch die 
Tatigkeit der Geister der Bewegung, die Befriedigung der Sehnsucht 
sind, sie muft abgelost werden von derjenigen planetarischen Phase der 
Erdenverkorperungen, welche wir die Phase der Erlosung nennen miis- 
sen. Und wir werden noch sehen, daft die Erde der «Planet der Erlo- 
sung» zu nennen ist, wie wir die vorherige Verkorperung der Erde, das 
Mondendasein, den «Planeten der Sehnsucht» nennen konnen, der 
zwar zu stillenden Sehnsucht, die aber in der Stillung in eine nie en- 
dende Unendlichkeit auslauft. Und wahrend wir leben im Erdenbe- 
wufttsein - das uns, wie wir gesehen haben, durch das Mysterium von 
Golgatha die Erlosung bringt -, steigt herauf wahrend dieses Lebens 
aus den Untergriinden unserer Seele das, was fortwahrend nach Erlo- 
sung verlangt. Es ist, wie wenn wir oben die Wellen des gewohnlichen 
Bewufttseins hatten, und unten in den Tiefen des Meeres des Seelen- 
lebens lebt der Untergrund unserer Seele als Sehnsucht, als etwas, was 
da immer herauf will nach dem Vollbringen des Opfers, zu dem uni- 
versellen Wesen, das auf einmal die Begierde befriedigt, nicht in der 



unendlichen Aufeinanderfolge der Bilder, sondern auf einmal gibt die 
Befriedigung. 

Der Erdenmensch fiihlt schon diese Stimmungen - und sie sind die 
allerallerbesten, wenn er sie eben fiihlt. Und diejenigen Erdenmen- 
schen, die in unserer Zeit ganz gemaft unserem besonderen Zeitalter 
diese Sehnsucht ftihlen, sie sind im Grunde die, welche zu unserer gei- 
steswissenschaftlichen Bewegung kommen. Da lernen die Menschen 
erkennen im Leben draufien alles, was sie in den Einzelheiten befrie- 
digt fiir ihr gewohnliches, oberes Bewufksein; aber da schlagt dann 
herauf aus dem Unterbewufksein das, was in seinen Einzelheiten nie 
befriedigt werden kann, was nach dem zentralen Grunde des Lebens 
verlangt. Und dieser zentrale Grund kann nur dadurch gegeben wer- 
den, daft wir eine universelle Wissenschaft haben, die sich nicht nur mit 
den Einzelheiten, sondern mit der Gesamtheit des Lebens beschaftigt. 
Dem, was in den Tiefen der Seele spielt und in das Oberbewufttsein 
heraufgeholt werden will, mufi im Sinne unserer heutigen Zeit entge- 
genkommen die Beschaftigung mit dem universellen Dasein, das in 
der Welt lebt, denn sonst spielt aus den Untergriinden der Seele herauf 
das, was sich sehnt nach etwas, das es nie erreichen kann. 

In diesem Sinne ist die Geisteswissenschaft ein Entgegenkommen 
jenen Sehnsuchten, die in den Untergriinden der Seele leben. Und weil 
alles, was spater in der Welt geschieht, seine Vorspiele hat, brauchen 
wir uns nicht zu verwundern iiber einen Menschen - der, wenn er etwa 
im heutigen Zeitalter lebte, durch die spirituelle Wissenschaft nach Be- 
friedigung fiir die Macht der Sehnsucht in seiner Seele verlangen 
wiirde -, wenn ihm zunachst gar nicht bewufke Seelenkrafte, die wie 
Sehnsuchten sind, ihn verzehren konnten. Da er in einem friiheren 
Zeitalter lebte, in dem es diese spirituelle Weisheit nicht gegeben hat 
und er sie deshalb noch nicht haben konnte, so ist es, wie wenn er sich 
verzehren wiirde nach ihr, ein immerwahrendes Verlangen haben 
wiirde nach ihr und das Leben nicht begreifen konnte - gerade weil er 
ein hervorragend grofier Geist ist. Wahrend heute hereintraufeln konnte 
in seine Seele etwas, was die Sehnsucht nach Bildern, welche nur die 
C3de iibertonen konnen, stillen wiirde, sehnte er sich nach Aufhoren 
dieses Bilderjagens, und er sehnte sich um so mehr danach, je mach- 



tiger dieses Bilderjagen war! Und kann uns, so wie es jetzt ausge- 
sprochen ist, die Stimme dieses Menschen nicht erscheinen als eine 
AuEerung eines Geistes, der in einer Zeit lebt, in welcher er diese spiri- 
tuelle Weisheit, die sich hineingiefit wie Balsam in die Sehnsucht der 
Seele, noch nicht haben kann, wenn wir horen, wie er einem anderen 
schreibt: 

«Wer wollte auf dieser Welt glucklich sein. Pfui, schame dich, 
mdcht' ich fast sagen, wenn du es willst! Welch eine Kurzsichtigkeit, 
o du edler Mensch, gehort dazu, hier, wo alles mit dem Tode endigt, 
nach etwas zu streben. Wir begegnen uns, drei Fruhlinge lieben wir 
uns: und eine Ewigkeit fliehen wir wieder auseinander. Und was ist 
des Strebens wiirdig, wenn es die Liebe nicht ist! Ach, es mufi noch 
etwas anderes geben als Liebe, Gliick, Ruhm und x, y, z, wovon unsre 
Seelen nichts traumen. 

Es kann kein boser Geist sein, der an der Spitze der Welt steht; es 
ist ein bloft unbegriffener! Lacheln wir nicht auch, wenn die Kinder 
weinen? Denke nur, diese unendliche Fortdauer! Myriaden von Zeit- 
raumen, jedweder ein Leben, und fur jedweden eine Erscheinung wie 
diese Welt! Wie doch das kleine Sternchen heiEen mag, das man auf 
dem Sirius, wenn der Himmel klar ist, sieht? Und dieses ganze unge- 
heure Firmament nur ein Staubchen gegen die Unendlichkeit! O Riihle, 
sage mir, ist dies ein Traum? Zwischen je zwei Lindenblattern, wenn 
wir abends auf dem Riicken liegen, eine Aussicht, an Ahndungen rei- 
cher, als Gedanken fassen, und Worte sagen konnen. Komm, lafi uns 
etwas Gutes tun und dabei sterben! Einen der Millionen Tode, die wir 
schon gestorben sind und noch sterben werden. Es ist, als ob wir aus 
einem Zimmer in das andere gehen. Sieh, die Welt kommt mir vor wie 
eingeschachtelt, das kleine ist dem grofien ahnlich!» Aus einem Briefe 
Heinrich von Kleists aus dem Jahre 1806. 

So drangt die Sehnsucht, die er in solche Worte fassen konnte, einen 
Geist, an einen Freund zu schreiben - ein Geist, der noch nicht eine 
Befriedigung dieser Sehnsucht finden konnte durch das, was, wenn sie 
nur mit energischem Verstandnis an die Geisteswissenschaft herantritt, 
die moderne Seele finden kann. Denn dieser Geist ist der, welcher 
jetzt vor hundert Jahren seinem Leben ein Ende machte, indem er zu- 



erst seine Freundin Henriette Vogel und dann sich selbst erschoft, und 
der in jenem einsamen Grabe am Wannsee ruht, das sich vor hundert 
Jahren iiber seiner Hiille geschlossen hat. 

Es ist eine sonderbare Fiigung, man mochte sagen des Karma, daft 
wir iiber die Stimmung, die uns am allerbesten das charakterisieren 
kann, was wir zu fassen versuchen, wenn wir sprechen von dem Zu- 
sammenwirken der zuriickgehaltenen Willensopfer in der Sehnsucht, 
der Befriedigung dieser Sehnsucht, die allein kommen konnte von den 
Geistern der Bewegung, und dem Drange nach einer endgiiltigen Be- 
friedigung, wie sie nur kommen konnte auf dem Planeten der Erlo- 
sung - es ist ein sonderbarer karmischer Zusammenschluft, daft wir 
nach unserem ganz gewohnlichen Programm gerade an einem Tage 
hier dariiber sprechen muftten, der uns erinnern kann, wie ein Geist 
die unbestimmte Sehnsucht in den allerhochsten Worten zum Aus- 
druck bringen konnte und sie endlich umgegossen hat in die allertra- 
gischste Tat, welche die Sehnsucht verkorpern konnte. Und wie konn- 
ten wir verkennen, daft dieser Geist in seiner Ganzheit, wie er vor uns 
stent, eigentlich eine lebendige Verkorperung dessen ist, was unten in 
der Seele lebt, was wir zuriickfiihren miissen auf ein Anderes noch 
als auf das Erdendasein, wenn wir es erkennen wollen? Hat uns 
Heinrich von Kleist nicht am bedeutsamsten geschildert, was in einem 
Menschen leben kann — wie Sie gleich auf den ersten Seiten von «Die 
geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit» geschildert fin- 
den - von dem, was iiber ihn selbst hinausgeht, ihn treibt, und was er 
erst spater einsehen kann, wenn er nicht vorher seinen Lebensfaden 
unterbricht? 

Denken wir an seine «Penthesilea» : Wie viel mehr ist in Penthesilea, 
als sie mit ihrem Erdenbewufttsein umspannen kann! Wir konnten sie 
in ihrer ganzen Eigenartigkeit gar nicht begreifen, wenn wir nicht an- 
nehmen wiirden, ihre Seele sei unendlich viel weiter als die enge kleine 
Seele, die sie - wenn sie auch eine grofte ist - mit ihrem Erdenbe- 
wufttsein umspannt. Daher muft eine Situation hineinspielen, die 
kunstlich das Unterbewuftte in das Drama hineinbringt. Ja, es muft 
sogar verhindert werden, daft der ganze Vorgang, wie Kleist sie an 
Achill heranfiihrt, mit dem Oberbewufttsein zu iiberschauen ware, 



sonst wiirden wir die ganze Tragik nicht erleben konnen. Penthesilea 
wird als Gefangene zu Achill gefiihrt, aber es wird ihr vorgegaukelt, 
daft er ihr Gefangener ist. Daher ist es «ihr» Achill. - Es mu!5 das, 
was im Oberbewufttsein lebt, in das Nichtbewuftte hineingetaucht 
werden. 

Und wie spielt wieder dieses Unterbewuftte hinein in eine Hand- 
lung wie zum Beispiel «Das Kathchen von Heilbronn», besonders in 
der merkwurdigen Beziehung zwischen dem Kathchen und dem Wetter 
vom Strahl, die sich nicht abspielt im Oberbewufttsein, sondern in den 
tieferen Schichten der Seele, wo die Krafte sind, von denen der Mensch 
nichts weift, die von einem zum anderen gehen. Wenn wir das vor uns 
haben, spiiren wir das Geistige, das in den gewohnlichen Gravitations- 
und Attraktionskraften der Welt liegt. Fiihlen Sie das, was in den 
Kraften der Welt liegt, zum Beispiel in der Szene, wo Kathchen ihrem 
Angebeteten gegeniibersteht, wo wir sehen, was in dem Unterbe- 
wufttsein lebt und wie es verwandt ist dem, was drauften in der Welt 
lebt, und was man mit dem nuchternen trockenen Worte «Anziehungs- 
krafte - und so weiter - der Planeten» belegt? Doch hineintauchen in 
dieses Unterbewufttsein konnte auch ein durchdringender und stre- 
bender Geist vor hundert Jahren noch nicht. Heute mufi es geschehen. 

Und in ganz anderer Weise steht daher heute die Tragik eines «Prin- 
zen von Homburg» vor uns. Ich mochte wissen, wie die Abstraktlinge, 
die alles, was der Mensch vollbringt, nur ableiten wollen aus dem Ver- 
stande, eine Figur erklaren wollen, wie es der Prinz von Homburg ist, 
der alle seine groften Taten in einer Art Traumzustand ausfiihrt, auch 
die, welche zuletzt zum Siege fiihrt. Und klar weist Kleist darauf hin, 
daft er aus seinem Oberbewufttsein heraus gar nicht den Sieg erlangen 
konnte, daft er auch nach seinem Oberbewufttsein nicht einmal ein 
ganz besonders grofter Mensch ist, denn er wimmert nachher vor dem 
Tode. Und als durch einen besonderen Willensimpuls das, was in den 
Tiefen der Seele lebt, heraufgeholt wird, erst da ermannt er sich. 

Was als ein Erbstiick dem Menschen aus dem Mondenbewufttsein 
geblieben ist, das ist etwas, was nicht heraufgebracht werden darf 
durch die abstrakte Wissenschaft, was aber heraufgebracht werden 
mujl durch die vielseitigen, subtilen und mit allseitig weichen Kontu- 



ren die geistigen Dinge angreifenden Begriffe, die die Geisteswissen- 
schaft bringt. Das Groftte bindet sich an das Mittlere und bindet sich 
an das Gewohnliche. 

So sehen wir ein, daft die Geisteswissenschaft uns zeigt, wie die Zu- 
stande, welche wir heute in der Seele erleben, sich heranbilden im 
Kosmos, im Weltall. Wir sehen aber auch ein, wie das, was wir in der 
Seele erleben, uns einzig und allein einen Begriff verschaffen kann von 
dem, was geistig in den Untergriinden der Dinge ist. Wir sehen aber 
auch, wie unsere Zeit herankommen muftte, um das zu befriedigen, 
was ersehnt worden ist in der Zeit, die der unsrigen vorangegangen ist, 
wie die Menschen begehrt haben nach dem, was unsere Zeit erst geben 
kann. Und eine Art der Verehrung fur solche Menschen, die sich nicht 
zurechtfinden konnten in der Vorzeit gegeniiber dem, was ihr Herz 
begehrte und was die Welt ihnen nicht geben konnte, eine gewisse Ver- 
ehrung fur solche Menschen kann auch darin bestehen, daft wir uns 
erinnern, wie alles menschliche Leben zusammengehort und wie der 
heutige Mensch sein Leben widmen kann jenen geistigen Bewegungen, 
welche die Menschen - das zeigen uns ihre Schicksale - lange schon 
gebraucht hatten. 

So darf gewissermaften auf die Geisteswissenschaft als eine Bringerin 
der Erlosung der Menschensehnsucht hingewiesen werden an einem 
Tage, der als der Jahrhunderttag des tragischen Todes eines dieser sehn- 
siichtigsten Menschen sehr wohl daran erinnern kann, wie das, was die 
Geisteswissenschaft geben kann, von den Menschen stiirmisch, aber 
auch wehmiitig seit langen Zeiten schon verlangt worden ist. Das ist ein 
Gedanke, den wir fassen konnen, und der vielleicht auch anthroposo- 
phisch ist, an dem Jahrhunderttage des Todes eines der groftten deut- 
schen Dichter. 



FONFTER VORTRAG 



Berlin, 5. Dezember 1911 

So haben wir uns derm in einer Reihe von Betrachtungen vor die Seele 
gefiihrt, wie hinter alledem, was wir die Maja oder die grofie Illusion 
nennen, das Geistige steht. Wir wollen noch einmal uns die Frage stel- 
len: In welcher Art hat sich uns denn gezeigt, daft hinter allem, was wir 
zunachst fur unsere Sinne und fur unsere sonstige an unseren Leib ge- 
bundene Weltenauffassung um uns herum haben, das Geistige zunachst 
von uns erkannt worden ist? 

Wir haben es dadurch charakterisiert, dieses Geistige, dafi wir im 
Laufe der letzten Betrachtungen genotigt waren, gleichsam vor unse- 
rem Blick hinwegzuschaffen die nachsten aufleren Welterscheinungen 
und durchzudringen bis zu solchen Eigenschaften des Wirklichen, wie 
die waren, die wir bezeichneten als Opferwilligkeit, schenkende Tugend, 
Resignation oder Verzicht, also lauter Eigenschaften, die wir nur ken- 
nenlernen konnen, wenn wir in unsere eigene Seele blicken, die wir 
sinnvoll zunachst nur unserer eigenen Seele beilegen konnen. Wenn wir 
nun demjenigen, was wir als das Wirkliche, wir konnten auch sagen, 
als das Wahrhaftige hinter der Welt der Illusion zu denken haben, in 
seiner Wahrheit solche Eigenschaften beilegen mussen, wie die eben ge- 
nannten, so mussen wir sagen: In dieser Welt des wahrhaftigen Daseins, 
in dieser Welt des Wirklichen lebt dasjenige, was wir seinen Eigenschaf- 
ten nach im Grunde genommen nur vergleichen konnen mit Eigen- 
schaften, die wir zunachst in unserer eigenen Seele wahrnehmen. Wenn 
wir zum Beispiel das, was sich aufierlich ausdriickt im Scheine der 
Warme, zu charakterisieren haben in bezug auf seine Wahrheit als 
Opferdienst, als stromendes Opfer in der Welt, so heilk das eben, dafi 
wir das Element der Warme zuriickgefuhrt haben auf ein Spirituelles, 
auf ein Geistiges, gleichsam also hinweggeschafft haben, was der aufiere 
Schleier des Daseins ist, und das aufgezeigt haben, was in der Auftenwelt 
gleich ist demjenigen, was wir als unser eigenes Spirituelles erkennen. 

Bevor wir nun in den Betrachtungen weitergehen, ist uns eine andere 
Idee notwendig. Das ist die: Verfliegt denn nun wirklich alles, was wir 



innerhalb der Welt der Maja oder der groflen Illusion haben, in eine 
Art von Nichtigkeit? 1st wirklich in all dieser uns umgebenden Sinnen- 
welt und der Welt unserer aufteren Auffassung gar nichts, was sich so- 
zusagen darstellt als das Wahrhaftige oder als ein Wahrhaftiges? 

Es ware ja gewift ein guter Vergleich, wenn man sagen wiirde: die 
Welt der Wahrheit, die Welt der Wirklichkeit sei zunachst verborgen, 
wie die inneren Krafte eines Teiches oder selbst des Ozeans in der 
Wassermasse verborgen sind; und die Welt der Maja konnten wir ver- 
gleichen mit dem Wellenkrauselspiel, das sich an der Oberflache ab- 
spielt. Der Vergleich ware gut, aber er zeigt uns gerade, daft doch etwas 
herauffliefk von dem, was unten im Ozean ist und was das Wellen- 
krauselspiel oben bewirkt, das Substantielle des Wassers und auch eine 
gewisse Konfiguration der Krafte. So ist es gleichgiiltig, ob wir diesen 
oder einen anderen Vergleich wahlen. Wir konnen wohl die Frage auf- 
werfen: Gibt es nicht auch im weiten Reiche unserer Maja oder Illusion 
etwas, was «wirklich» ist? 

Wir wollen es heute ebenso machen, wie wir es bei den letzten Be- 
trachtungen gemacht haben. Wir werden uns dem, was wir uns vor die 
Seele fuhren wollen, langsam nahern, indem wir ausgehen von inneren 
Erlebnissen unserer Seele. Und zwar, weil wir uns durch das Saturn-, 
Sonnen- und Mondendasein spirituell vorwartsbewegt haben und jetzt 
zum Erdendasein heranriicken, wollen wir von noch naheliegenderen, 
man mochte sagen, gewohnlicheren Seelenerlebnissen ausgehen, als wir 
es das letzte Mai taten. Das letzte Mai gingen wir aus von den verbor- 
genen Tiefen des Seelenlebens, von dem, was heraufragt aus dem, was 
wir in der Geisteswissenschaft kennengelernt haben als unseren astra- 
lischen Leib. Da haben wir heraufragen gefiihlt die Sehnsucht, und wir 
haben gesehen, wie die Sehnsucht arbeitet in den Wesen - zunachst fur 
uns also in dem Menschen -, und wie sie es ist, die eigentlich das See- 
lenleben dahin fiihrt, Befriedigung nur in dem Entgegenkommen jener 
Bilderwelt zu finden, die wir als die innere Bewegung dieses Seelen- 
lebens haben auffassen konnen. Und dadurch haben wir den Weg ge- 
funden von der mikrokosmischen einzelnen Seele bis zu jenem makro- 
kosmischen Weltenschaffen, das wir zugeschrieben haben den Geistern 
der Bewegung. 



Heute wollen wir von einem noch naherliegenden Erlebnis der Seele 
ausgehen, und zwar von einem Erlebnis, auf das schon aufmerksam 
gemacht worden ist im alten Griechenland, das aber in seiner Wahr- 
heit noch heute ein tief bedeutsames ist, und das angedeutet wird durch 
die Worte: Alle Philosophic, also alles Streben nach einem gewissen 
menschlichen Wissen gehe aus von dem Staunen. - Das ist in der Tat 
richtig. Wer nur ein wenig reflektiert und achtgibt auf den ganzen Vor- 
gang im Erleben seiner Seele, wie er sich nahert irgendeinem Wissen, 
der wird schon an sich selbst erfahren konnen, da£> ein gesunder Weg 
zum Wissen immer seinen Ausgangspunkt findet von dem Staunen, von 
der Verwunderung iiber irgend etwas. Dieses Staunen, diese Verwun- 
derung, von der jeder Wissensprozeft auszugehen hat, gehort geradezu 
zu jenen seelischen Erlebnissen, die wir bezeichnen miissen als diejeni- 
gen, welche in alles Niichterne Hoheit und Leben hineinbringen. Denn, 
was ware irgendein Wissen, das in unserer Seele Platz greift, das nicht 
ausginge von dem Staunen? Es ware wahrhaftig ein Wissen, das ganz 
eingetaucht sein miifite in Niichternheit, in Pedanterie. Allein jener Pro- 
zeft, der sich abspielt in der Seele, der von der Verwunderung hinfiihrt 
zu der Beseligung, die wir empfangen von den gelosten Ratseln, und 
der sich zuerst iiber der Verwunderung erhoben hat, macht das Ho- 
heitsvolle und das innerlich Lebendige des Wissensprozesses aus. Man 
sollte eigentlich fiihlen das Trockene und Vertrocknende eines Wissens, 
das nicht von diesen beiden Gemiitsbewegungen sozusagen eingesaumt 
ist. Eingerahmt von Staunen und von Beseligung iiber das geloste Rat- 
sel ist das wahre, das gesunde Wissen. Alles andere Wissen kann von 
auften angeeignet sein, kann von dem Menschen aus diesem oder jenem 
Grund herangebracht sein. Aber ein Wissen, das nicht eingerahmt ist 
von diesen beiden Gemiitsbewegungen, ist nicht wirklich im Ernste aus 
der Menschenseele entsprungen. Alles Aroma des Wissens, das die 
Atmosphare des Lebendigen im Wissen bildet, geht aus von diesen zwei 
Dingen, von Staunen und Beseligung iiber das erfullte Staunen. 

Was fur einen Ursprung hat aber das Staunen selbst? Warum tritt 
Staunen - also Verwunderung iiber irgendein Aufieres - in unserer 
Seele auf? Es tritt Staunen, Verwunderung aus dem Grunde auf, weil 
wir uns zunachst irgendeinem Wesen oder einem Ding oder einer Tat- 



sache gegeniiber, die vor uns auftritt, fremd angemutet fiihlen. Die 
Fremdheit ist das erste Element, das zur Verwunderung, zum Staunen 
fiihrt. Aber nicht allem Fremden gegeniiber empfinden wir das Stau- 
nen, die Verwunderung, sondern nur einem solchen Fremden gegen- 
iiber, mit dem wir uns doch in einer gewissen Weise verwandt fiihlen, 
so verwandt fiihlen, daft wir uns sagen: Es ist etwas in dem Ding oder 
Wesen, das jetzt noch nicht in mir ist, das aber in mich iibergehen 
kann. - Also zugleich verwandt und fremd fiihlen wir uns einer Sache 
gegeniiber, die wir durch Verwunderung, durch ein Staunen zunachst 
erfassen. 

Mit dem Worte «Verwunderung» hangt dann auch das Wort «Wun- 
der» zusammen, das wir einem Ereignis beilegen, zu dem der Mensch 
zunachst in seiner Erkenntnis keine verwandtschaftliche Beziehung fin- 
den kann. Aber das kann ja nur an ihm liegen, oder braucht wenig- 
stens nur an ihm zu liegen. Und er wiirde sich gar nicht selbst in ab- 
lehnender Weise zu dem verhalten, was er als «Wunder» bezeichnet, 
wenn er nicht in einer gewissen Weise doch Anspruch darauf machen 
wiirde, daft es sich ihm erschlieftt, also in einer gewissen Weise doch 
verwandt mit ihm sein sollte. Denn warum leugnen die Menschen, die 
von materialistischen oder rein verstandesmaftigen Begriffen ausgehen, 
zum Beispiel dasjenige, was andere anerkennen als Wunder, wenn sie 
nicht direkte Beweise dafiir haben, daft eine Luge, eine Unwahrheit 
vorliegt? Das miissen heute selbst schon Philosophen zugeben, daft man 
aus den Erscheinungen der Welt, welche dem Menschen vorliegen, 
niemals beweisen konne, daft zum Beispiel der in dem Jesus von Naza- 
reth inkarnierte Christus nicht auferstanden sei. Man kann Griinde 
dagegen anfiihren. Aber wie sind diese Griinde? Sie sind logisch nicht 
haltbar! Das geben heute schon aufgeklarte Philosophen zu. Denn die 
Griinde, welche von materialistischer Seite beigebracht werden, zum 
Beispiel daft alle Menschen, welche diese Leute bisher gesehen haben, 
zunachst nicht so auferstehen wie der Christus, diese Griinde stehen 
logisch auf derselben Hohe wie der, daft jemand, der bisher nur Fische 
gesehen hat, aus der Beschaffenheit der Fische nun nachweisen wollte, 
daft es keine Vogel gibt. Man kann nie aus der einen Klasse von We- 
senheiten in logisch berechtigter Weise ableiten, daft andere Wesen nicht 



existieren. Ebensowenig kann man aus den Erfahrungen, welche man 
iiber die Menschen des physischen Planes machen kann, etwas ablei- 
ten - was als Wunder zunachst bezeichnet wird - iiber die Ereignisse 
von Golgatha. Wenn Sie aber einem Menschen etwas mitteilen, was er 
als Wunder bezeichnen miiftte, wenn die Sache auch wahr ware, und er 
sagt: Ich kann sie nicht verstehen - so widerspricht er damit nicht dem, 
was wir iiber den Begriff der Verwunderung gesagt haben; denn er zeigt 
in seinem Verhalten ganz klar, daft dieser Ausgangspunkt alles Wissens 
fiir ihn auch begriindet ist. Er verlangt namlich, daft das, was ihm mit- 
geteilt wird, ein ihm Verwandtes habe. Er will, daft es in einer gewissen 
Weise sein Eigentum werden kann im Geistigen, und da er glaubt, daft 
er das nicht haben konne, daft es nicht mit ihm verwandt ist, so lehnt er 
es ab. Selbst wenn wir bis an die Grenze, bis zum Wunderbegriff selbst 
herangehen, wiirden wir sehen, daft Verwundern oder Erstaunen, von 
dem schon im Sinne des alten Griechentums alle Philosophic ausgegan- 
gen ist, darauf beruht, daft sich der Mensch gegeniiber befindet einem 
Fremden, es aber doch als ein Verwandtes anerkennen muft. Versuchen 
wir nun eine Verbindungsbriicke zu schaffen zwischen diesen Begriffen 
und dem, was wir das letzte Mai vor unsere Seele gefiihrt haben. 

Wir haben das letzte Mai gezeigt, wie ein gewisser Fortschritt in der 
Evolution dadurch herbeigefuhrt wird, daft Wesen bereit sind zu opfern, 
Opfer darzubringen, daft aber diese Opfer verweigert, zuriickgewiesen 
werden, und wir haben in den zuriickgewiesenen Opfern eine der 
Haupttatsachen erkannt, welche wahrend der alten Mondenentwicke- 
lung gespielt haben. Es gehort zu dem Wesentlichsten der alten Mon- 
denentwickelung, daft damals von gewissen Wesen an hohere Wesen- 
heiten Opfer dargebracht werden sollten, auf welche diese hoheren 
Wesenheiten verzichteten, so daft also gleichsam der Opferrauch der 
alten Mondwesen hinaufdrang zu den hoheren Wesenheiten, aber von 
ihnen nicht angenommen wurde und zuriickgeleitet wurde als Substanz 
in die Wesenheiten, welche das Opfer darbringen wollten. Und wir 
haben gesehen, daft ein grofter Teil der Eigentiimlichkeit der Wesen des 
alten Mondes darin bestand, daft sie dasjenige in sich zuriickgestoften 
fiihlen, was sie von sich selbst hinaufsenden wollten zu hoheren We- 
senheiten als Opfersubstanz. Ja, wir haben gesehen, daft das, was da 



hinauf wollte zu den hoheren Wesenheiten und nicht konnte, eben zu- 
riickblieb in den betreffenden Wesenheiten, und sich dadurch in diesen 
Wesenheiten des zuriickgewiesenen Opfers als die Kraft der Sehnsucht 
herausgebildet hatte. Und wir haben noch immer in alledem, was wir 
in unserer eigenen Seele als Sehnsucht empfinden, eine Erbschaft jener 
alten Mondenvorgange, die darin bestehen, daft Wesen damals ihr Op- 
fer nicht angenommen fanden. Der ganze Charakter der alten Monden- 
entwickelung, spirituell erfaftt, die ganze geistige Atmosphare des alten 
Mondes laftt sich in vieler Beziehung so charakterisieren, daft Wesen auf 
dem alten Monde sind, die ihre Opfer darbringen wollen, aber finden, 
daft diese Opfer, weil die hoheren Wesenheiten in bezug auf sie resignie- 
ren, nicht angenommen werden. Das ist der eigenartige melancholische 
Grundzug in der alten Mondenatmosphare: das zuriickgewiesene Opfer. 
Und das zuriickgewiesene Opfer des Kain, in dem symbolisch einer 
der Ausgangspunkte unserer Erdenmenschheitsevolution angedeutet ist, 
erscheint uns wie eine Art Wiederholung des Grundzuges der alten 
Mondenentwickelung, der sich da abspielt in der Seele des Kain, der 
sein Opfer nicht angenommen sieht. Das ist etwas, was uns wie ver- 
sinnbildlichen kann ein Leid, einen Schmerz, welche die Sehnsucht ge- 
baren, wie es bei den Wesen des alten Mondendaseins der Fall war. 

Wir haben nun das letzte Mai schon gesehen, daft zwischen diesen 
nicht angenommenen Opfern und zwischen der Sehnsucht, die dadurch 
in den Wesenheiten entstanden ist, daft das Opfer nicht angenommen 
worden ist, gewissermaften ein Ausgleich geschaffen wurde, indem auf 
dem alten Monde die Geister der Bewegung auftraten. Dadurch wurde 
wenigstens die Moglichkeit geschaffen, daft die Sehnsucht, die entstan- 
den war bei den Wesen des zuriickgewiesenen Opfers, in einer gewissen 
Art befriedigt werden konnte. Stellen Sie sich das recht lebendig vor: 
Sie haben hohere Wesenheiten, denen geopfert werden soli, aber die 
Opfersubstanzen werden zuriickgewiesen. Sehnsucht entsteht dadurch 
in diesen Wesen, welche opfern wollten, und die nun fiihlen: Hatte ich 
mein Opfer jenen hoheren Wesen darbringen konnen, so wiirde das 
Beste meines eigenen Wesens bei diesen Wesen leben, ich selber wiirde 
in diesen hoheren Wesenheiten leben, so aber bin ich ausgeschlossen von 
diesen Wesenheiten, so stehe ich hier, und diese hoheren Wesenhei- 



ten stehen dort! - Die Geister der Bewegung aber - wir konnen das 
fast wortlich verstehen - bringen diese Wesenheiten, in denen durch 
das zuriickgewiesene Opfer aufglimmt die Sehnsucht nach den hoheren 
Wesenheiten, in solche Lagen, daft sie sich von den verschiedensten 
Seiten nahern konnen den hoheren Wesenheiten. So daft das, was in 
ihnen ruht als nicht darzubringendes Opfer, wenigstens durch die Fiille 
der Eindriicke, die empfangen werden von den hoheren Wesen, welche 
gleichsam umkreist werden von den Wesen des zuriickgewiesenen Op- 
fers, ausgeglichen werden kann; ausgeglichen werden kann dasjenige, 
was durch das Zuriickweisen des Opfers nicht befriedigt wird, indem 
in den Positionen dieser Wesen zu den hoheren Wesenheiten eine Bezie- 
hung entsteht, wie sie durch ein dargebrachtes Opfer eingetreten ware. 

Wir machen uns vollig verstandlich, was damit gemeint ist, wenn 
wir uns denken, symbolisch zusammengefaftt, die hoheren Wesenheiten 
als Sonne, und dann in einer einzigen Position, als einen Planeten, nied- 
rigere Wesenheiten zusammengefaftt. Nehmen wir nun an, die Wesen 
des niederen Planeten wollten dem hoheren Planeten, also der Sonne, 
ihre Opfer darbringen. Aber die Sonne weist sie zuriickj und die Opfer- 
substanzen miissen bleiben bei den Wesenheiten des nicht angenom- 
menen Opfers, dabei fuhlen sich diese Wesen voll von Sehnsucht in 
ihrer Einsamkeit, in ihrer Abgeschlossenheit. Nun bringen die Geister 
der Bewegung sie in den Umkreis der hoheren Wesenheiten; dadurch 
ist es ihnen erst moglich, an die Stelle des unmittelbaren Hinaufflie- 
ftens ihrer Opfersubstanz, diese Opfersubstanz selbst in Bewegung zu 
bringen und sie dadurch in eine Beziehung zu bringen zu den Wesen 
hoherer Art. Es ist das geradezu so, als wenn ein Mensch nicht in der 
Lage ist, durch eine einmalige grofte Befriedigung mit seiner Sehnsucht 
zurechtzukommen und dann eine Reihe Teilbefriedigungen erlebt: so 
daft also sein ganzes Gemiit in Bewegung kommt, wenn er so eine 
Reihe Teilbefriedigungen erlebt. Das haben wir das letzte Mai genauer 
beschrieben. Wir haben gesehen, wie durch die Eindriicke, die nun von 
auften kommen, weil sich das Wesen nicht innerlich in der Opferung 
mit den hoheren Wesenheiten vereinigt fiihlt, ein Ersatz entsteht; das 
konnte uns zeigen, wie solche Wesen dennoch zu einer gewissen Befrie- 
digung kommen. 



Nun aber kann doch nicht geleugnet werden, daft das, was hatte ge- 
opfert werden sollen, in anderer Weise bei den hoheren Wesen fortbe- 
stehen wiirde als bei den niederen Wesen. Denn die eigentlichen Da- 
seinsbedingungen dessen, was hatte geopfert werden sollen, liegen bei 
den hoheren Wesen. Bei den niederen Wesen miissen also andere Da- 
seinsbedingungen dafur eintreten. - Wiederum konnen wir uns dazu 
bildlich vorstellen: Wenn von einem Planeten die ganze Substanz, die 
er enthalt, in die Sonne flieften konnte und die Sonne sie nicht zuriick- 
weisen wiirde, so wiirden die Wesen dieses Planeten in der Sonne an- 
dere Daseinsbedingungen finden als sonst, wenn die Sonne sie zuriick- 
weist, aufterhalb der Sonne, in dem Planeten. Kurz: Eine Entfremdung 
dessen, was wir den «Inhalt des Opfers» nennen miissen, tritt ein, eine 
Entfremdung dieser Opfersubstanz von ihrem Ursprung. 

Fassen Sie nun diesen Gedanken, daft Wesenheiten etwas in sich be- 
halten miissen, was sie gern als Opfer darbringen wiirden, und wovon 
sie das Gefiihl und die Empfindung haben, daft es erst dann seinen 
rechten Sinn fande, wenn es als Opfer dargebracht werden konnte. Ver- 
gegenwartigen Sie sich die Empfindungen solcher Wesenheiten, dann 
werden Sie das haben, was man nennen kann: Abgeschlossenheit eines 
gewissen Teiles der Weltenwesenheit gegeniiber seinem eigentlichen 
Sinn und gegeniiber seinem eigentlichen groften Weltenzweck. Es haben 
Wesen etwas in sich, was eigentlich - wenn wir bildlich sprechen diirf- 
ten - an einem anderen Orte als bei ihnen selber seinen Sinn hatte. Die 
Folge davon ist, daft diese Deplacierung - wenn wir wieder bildlich 
sprechen - des zuriickgewiesenen Opferrauches, der zuriickgewiesenen 
Opfersubstanz, ein Ausgestoftenwerden zunachst dieser Opfersubstanz 
von dem iibrigen Weltenprozeft bewirkt. 

Wenn Sie diesen Gedanken nicht mit Ihrem Verstande - denn der 
geht nicht auf solche Dinge -, sondern wenn Sie mit ihrem Gefiihl das 
fassen, was damit ausgesprochen ist, so werden Sie die Empfindung 
haben: Es ist etwas wie herausgerissen aus dem allgemeinen Welten- 
prozeft. Fur die Wesen, die das Opfer zuriickgewiesen haben, ist es nur 
etwas, was sie von sich abgestoften haben. Fur die anderen Wesen, in 
denen die Opfersubstanz geblieben ist, ist es etwas, dem der Charakter 
der Fremdheit seines eigenen Ursprunges aufgedriickt wird. Wir haben 



also dadurch Wesen, denen in ihrer Substantialitat die Fremdheit von 
seinem Ursprunge aufgedriickt ist. Das aber ist, wenn man das gefuhls- 
mafiig versteht, wenn man diese Idee sich gefuhlsmafSig vor die Seele 
malt - wenn man sich vor die Seele malt etwas, dem die Fremdheit 
seines Ursprunges innewohnt -, das ist der Tod. Und nichts anderes ist 
der Tod im Weltenall als das, was notwendig eintritt mit der zuriick- 
gewiesenen Opfersubstanz bei den Wesen, die eben diese Opfersubstanz 
behalten miissen. So kommen wir von der Resignation, von dem Ver- 
zicht, den wir gefunden haben auf der dritten Stufe der Evolution, ge- 
geniiber dem, worauf von den hoheren Wesen verzichtet worden ist, 
zum Tod. Und der Tod in seiner wahren Bedeutung ist nichts anderes 
als die Eigenschaft von Wesensinhalten, die nicht an ihrem wahren Orte 
sind, die ausgeschlossen von ihrem wahren Orte sind. 

Auch wenn der Tod im konkreten Leben beim Menschen eintritt, 
liegt dasselbe zugrunde. Denn wenn wir uns den Leichnam besehen, 
der in der Welt der Maja zuriickbleibt, so ist in ihm nichts anderes ent- 
halten als eine Substantialitat, die mit dem Moment des Todes ausge- 
schlossen ist von Ich, Astralleib und Atherleib, die entfremdet ist dem- 
jenigen, innerhalb dessen sie nur einen eigentlichen Sinn hat. Denn des 
Menschen physischer Leib hat keinen Sinn ohne Atherleib, Astralleib 
und Ich, ist sinnlos, ist in diesem Moment von seinem Sinn ausgeschlos- 
sen. Was wir nicht mehr durchschauen konnen, wenn ein Mensch stirbt, 
das stellt sich uns eben dar im Makrokosmos. Dadurch, daft die Welten- 
wesen hoherer Spharen zuriickweisen, was ihnen als Opfer dargebracht 
werden soil, verfallt diese zuriickgewiesene Opfersubstanz in den We- 
senheiten, denen sie zuriickgewiesen worden ist, dem Tode, denn der 
Tod ist Ausgeschlossenwerden irgendeiner Weltensubstanz, irgendeiner 
Weltenwesenheit von ihrem eigentlichen Sinn. 

Damit aber sind wir eingetreten in eine spirituelle Charakteristik des- 
jenigen, was wir das vierte Element im Weltall nennen. Wenn uns das 
Feuer reinster Opfersinn war - und uberall, wo uns Feuer oder Warme 
entgegentritt, liegt spirituell dahinter Opferung -, wenn wir hinter allem, 
was als Luft ausgebreitet ist um unsere Erde herum, schenkende oder 
spendende Tugend, hinstromende Tugend in Wahrheit fanden, wenn 
wir charakterisieren konnten das flie£ende Wasser, also Fliissigkeit als 



Element, als spirituelle Resignation oder Verzicht, so miissen wir das 
Element der Erde, das allein der Trager des Todes werden kann - denn 
der Tod wiirde nicht da sein, wenn das Element der Erde nicht da ware -, 
als dasjenige charakterisieren, was abgespalten worden ist von seinem 
Sinn durch den Verzicht. Jetzt haben Sie formlich konkret irgend etwas, 
wo sich aus Flussigem Festes bildet. Denn das spiegelt in einer gewissen 
Weise auch einen spirituellen Prozeft. Stellen wir uns vor, es gliedert 
sich ein in die Wassermasse eines Teiches Eis, das Wasser also wird fest. 
In Wahrheit liegt da nichts anderes zugrunde, als daft dasjenige, was 
das Wasser zu Eis werden laftt, es abschniirt von dem Sinn des Was- 
sers. Da haben Sie das Spirituelle des Festwerdens, das Spirituelle des 
Erdewerdens. Denn in bezug auf die Charakteristik der vier Elemente 
ist das Eis ebenfalls «Erde» und nur das Fliissige «Wasser». - Eine Ab- 
schniirung von seinem Sinn ist das, was wir Tod nennen konnen, und 
das, worin der Tod sich darstellt, sich auslebt, das ist das Element der 
Erde. 

Wir sind ausgegangen davon, daft wir die Frage aufgeworfen haben, 
ob es innerhalb unserer Welt der Illusion, der Maja, gar nichts Wahr- 
haftiges gibt, ob es dort gar nichts von dem gibt, was sozusagen einer 
Wirklichkeit entspricht. Nehmen Sie einmal jetzt recht genau den Be- 
griff, den wir eben vor unsere Seele hingestellt haben. Ich habe Ihnen 
von Anfang an gesagt: die Begriffe dieser unserer Betrachtungen sind 
einigermaften kompliziert. Es wird also notwendig sein, daft wir sie 
nicht nur verstandesmaftig aufnehmen, sondern dariiber meditieren, 
dann werden sie uns erst ganz klar werden. Aber nehmen wir jetzt die- 
sen Begriff vom Tode, beziehungsweise den vom Erdigen; er zeigt uns 
ein ganz merkwiirdiges Gesicht. Wahrend wir bei alien anderen Begrif- 
fen uns sagen konnten: In bezug auf das, was da in der Welt der Maja 
um uns herum ist, liegt eigentlich gar nichts Wahrhaftiges vor, sondern 
das Wahrhaftige ist ein ihm zugrunde liegendes Spirituelles -, haben wir 
jetzt etwas herausbekommen, wo dasjenige, was wir innerhalb der Maja 
haben, eigentlich gerade deshalb, weil es getrennt ist von seinem Sinn, 
weil es im Spirituellen sein sollte, sich als das Tote charakterisiert. Es 
ist damit in die Maja hinein etwas abgeschnurt, was eigentlich nicht in 
der Maja sein sollte. Uberall im ganzen weiten Reiche der Maja oder der 



groften Illusion haben wir eben lauter Tauschungen, lauter Illusionen 
vor uns. Aber wir bekommen etwas in die Maja hinein, was dadurch 
einem Wahrhaftigen entspricht, daft es abgeschniirt wird von seinem ei- 
gentlichen Sinn im Spirituellen, und in dem Augenblick, wo es herein- 
kommt, tritt an es die Vernichtung, der Tod heran. Das sagt uns aber 
nichts Geringeres als die grofte okkulte Wahrheit: Innerhalb der Welt 
der Maja ist das einzige, das sich in seiner Wirklichkeit zeigt, der Tod! - 
Alle anderen Erscheinungen mussen wir zuriickverfolgen auf ihr Wirk- 
liches, alle anderen Erscheinungen, die in der Maja auftreten, haben hin- 
ter sich das Wahrhaftige: Nur der Tod ist innerhalb der Maja das Wahr- 
haftige, denn er besteht darin, daft von dem Wahrhaftigen etwas abge- 
schniirt und hereingenommen ist in die Maja. Daher ist der Tod inner- 
halb der Maja das einzig Wahrhaftige. 

Und wenn wir jetzt von dem, man mochte sagen, in der allgemeinen 
Maja sich Ausbreitenden iibergehen zu den groften Prinzipien der Welt, 
dann stellt sich fur die okkulte Wissenschaft eine sehr wichtige und 
wesentliche Konsequenz dieses Satzes dar, daft innerhalb unserer Welt 
der Maja nur der Tod eigentlich das Wahrhaftige ist. Wir konnen uns 
dem, was ich hier sagen will, noch von einer anderen Seite nahern, Wir 
konnen zunachst die Wesenheiten der anderen Reiche betrachten, die 
um uns herum sind. 

Wir konnen fragen: Sterben zum Beispiel Mineralien? - Fur den 
Okkultisten hat es keinen Sinn zu sagen: Mineralien sterben. - Das 
ware ungefahr ebensoviel, als wenn man sagen wiirde, der Fingernagel, 
den wir uns abschneiden, sei gestorben. Der Fingernagel ist eben nicht 
irgend etwas, was als Totalitat Anspruch hat auf Dasein, sondern er ist 
nur etwas an uns, und wenn wir ihn abschneiden, so haben wir ihn von 
uns getrennt und ihm das mit uns zusammenhangende Leben entrissen. 
Er stirbt im Grunde genommen erst dann, wenn wir selber sterben. 
Also in demselben Sinne, sagt die okkulte Wissenschaft, sterben die 
Mineralien nicht. Denn die Mineralien sind nur Glieder an einem gro- 
ften Organismus, wie der Fingernagel an unserem Organismus ein Glied 
ist; und wenn ein Mineral scheinbar zugrunde geht, so ist es nur losge- 
rissen von diesem groften Organismus, wie das Stiick Fingernagel losge- 
rissen ist von unserem Organismus, wenn wir es abschneiden. Die Zer- 



stoning des Minerals ist kein Tod, denn das Mineral lebt nicht in sich 
selber, sondern in dem groften Organismus, von dem es ein Glied ist. 

Wenn Sie sich erinnern an den Vortrag liber das Wesen der Pflanzen, 
so werden Sie wissen, daft gesagt worden ist: Die Pflanze ist als solche 
auch nicht selbstandig, sondern sie ist ein Glied, nun nicht wie das Mi- 
neral an einem groften Organismus, sondern an dem ganzen Erden- 
organismus; und es hat fur eine okkulte Betrachtung keinen Sinn, vom 
Leben einer einzelnen Pflanze zu sprechen, sondern man mufi sprechen 
von dem Erdenorganismus, an dem die Pflanzen iiberall Teile sind. Und 
wenn wir sie zu ihrem «Tode» bringen, dann ist es so, wie wenn wir 
uns einen Fingernagel abschneiden. Wir konnen nicht sagen, der Fin- 
gernagel ist gestorben. Ebensowenig konnen wir dies von den Pflan- 
zen sagen, denn sie gehoren einem groften Organismus an, der iden- 
tisch ist mit der ganzen Erde und der ein Organismus ist, der im Friih- 
ling einschlaft, die Pflanzen als seine Organe der Sonne entgegensendet 
und im Herbst aufwacht und das Geistige der Pflanzen wieder in sich 
aufnimmt, wenn er die Samen der Pflanzen in sich aufnimmt. Es hat 
keinen Sinn, die Pflanzen fur sich allein zu betrachten, denn der Erden- 
organismus stirbt nicht ab, wenn die einzelnen Pflanzen an ihm ver- 
welken, ebenso wie wir, wenn wir graue Haare bekommen, auch nicht 
sterben, wenn wir die grauen Haare nicht wieder auf naturgemafte Weise 
in schwarze farben konnen. Nur sind wir da in einer anderen Lage als 
die Pflanzen. Aber die Erde ist da in einer solchen Lage, die sich ver- 
gleichen liefte mit dem Menschen, wenn er graue Haare wieder in 
schwarze zuriickverwandeln konnte. Also die Erde stirbt nicht, son- 
dern was sich da zeigt im Welken der Pflanzen, ist ein Prozeft, der sich 
an der Oberflache abspielt. So konnen wir niemals sagen, daft die Pflan- 
zen in Wahrheit sterben. 

Aber auch von den Tieren konnen wir zunachst nicht sagen, daft sie 
wie wir sterben. Denn das einzelne Tier ist in Wahrheit auch nicht vor- 
handen, es ist nur die Gruppenseele vorhanden, die im Ubersinnlichen 
ist. Was das Tier im Wahrhaftigen ist, das ist nur auf dem Astralplan 
vorhanden als die Gruppenseele, und das einzelne Tier ist aus der Grup- 
penseele heraus verdichtet. Und wenn es stirbt, so ist es ein abgelegtes 
Glied der Gruppenseele, und diese ersetzt es durch ein anderes. 



Was wir also als den Tod im Mineral-, Pflanzen- und Tierreich an- 
treffen, das ist nur scheinbar, ist nur innerhalb der Maja Tod. In Wahr- 
heit stirbt wirklich nur der Mensch, der es mit seiner Individualist so 
weit bringt, daft er hinunterkommt zu seinem physischen Leibe, in dem 
er wahrend des Erdendaseins real sein muE. In Wahrheit hat von «Tod» 
zu sprechen nur einen Sinn fur das Erdendasein des Menschen. 

Wenn wir dies ins Auge fassen, miissen wir sagen: Nur der Mensch 
kann eigentlich den Tod wirklich erleben. - Beim Menschen ist also 
das, was wir durch die okkulte Forschung kennenlernen, ein wirkliches 
Uberwinden des Todes, ein wirkliches Besiegen des Todes. Denn bei 
anderen Wesen ist der Tod nur scheinbar, ist er nicht in Realitat vor- 
handen. Wenn wir hoher hinaufkommen wiirden, von dem Menschen 
wieder zu den Wesenheiten der hoheren Hierarchien, so wiirden wir 
ebenso finden, daft diese den Tod nach Menschenart nicht kennen; so 
daft es im Grunde genommen nur bei jenen Wesenheiten einen realen 
Tod, das heiftt, einen Tod auf dem physischen Plan gibt, die sich auch 
etwas zu holen haben auf dem physischen Plan. Der Mensch aber hat 
sich auf dem physischen Plan sein Ich-Bewufttsein zu holen. Das 
konnte er ohne den Tod nicht finden. Weder bei den Wesenheiten, die 
unter dem Menschen stehen, noch bei den Wesenheiten, die hoher ste- 
hen als der Mensch, hat es einen Sinn, von wahrhaftem Tod zu spre- 
chen. Dann aber wird es begreiflich erscheinen, daft wir fur jene We- 
senheit, die wir die Christus-Wesenheit nennen, gar keine Moglichkeit 
haben, ihre bedeutendste Erdentat auszuloschen. Denn wir haben ja 
gesehen, daft bei dieser Christus-Wesenheit das Mysterium von Gol- 
gatha als das Wesentlichste in Betracht kommt: die Besiegung des 
Todes durch das Leben. Wo aber kann diese Besiegung des Todes nur 
vor sich gehen? Kann sie vor sich gehen in den hoheren Welten? Nein! 
Denn schon bei den niederen Wesen, die wir angefuhrt haben, im 
Mineral-, Pflanzen- und Tierreich, kann von Tod nicht gesprochen 
werden, weil sie eigentlich ihr wahres Wesen in den hoheren, iiber- 
sinnlichen Welten haben. Und wir werden im Laufe der Winterbe- 
trachtungen noch weiter ausfiihren, daft auch bei den hoheren Wesen- 
heiten nicht von Tod gesprochen werden kann, sondern nur von Ver- 
wandlungen, von Metamorphosen, von Umgestaltung. Von einem Ein- 



schnitt in das Leben, den wir als «Tod» bezeichnen, kann nur beim 
Menschen gesprochen werden. Und der Mensch kann diesen Tod nur 
erleben auf dem physischen Plan. Ware der Mensch niemals auf den 
physischen Plan gekommen, so wiirde er nichts wissen vom Tod, denn 
kein Wesen, das den physischen Plan nicht betreten hat, weift etwas vom 
Tod. Es gibt in den anderen Welten nicht das, was man «Tod» nennen 
kann, sondern nur Verwandlungen, Metamorphosen. Sollte der Christus 
durch den Tod gehen, so muftte er auf den physischen Plan herunter- 
steigen! Denn nur dort konnte er den Tod erleben. 

So sehen wir, daft auch im geschichtlichen Werden des Menschen in 
einer merkwurdigen Weise das Wahrhaftige der hoheren Welten herein- 
spielt in die Maja. Wahrend wir fur alle anderen geschichtlichen Er- 
eignisse mit unserem Denken nur dann zurechtkommen, wenn wir 
sagen: Hier auf dem physischen Plan ist das geschichtliche Ereignis, 
aber die Ursache dafur liegt oben in der geistigen Welt, zu der miis- 
sen wir gehen -, konnen wir von dem Ereignis von Golgatha nicht 
sagen: Dieses Ereignis ist hier unten auf dem physischen Plan, und 
etwas Entsprechendes liegt in der hoheren Welt. - Gewift, der Chri- 
stus selbst gehort den hoheren Welten an und stieg herunter auf den 
physischen Plan. Aber ein Urbild, wie wir es fur alle anderen geschicht- 
lichen Ereignisse suchen miissen, gibt es nicht fur das, was sich auf 
Golgatha vollzogen hat. Das hat sich nur auf dem physischen Plan 
abgespielt. 

Unter den vielen Beweisen, die aus der okkulten Wissenschaft fur 
diese Tatsache gegeben werden konnten, ist zum Beispiel dieses, daft das 
Ereignis von Damaskus sich, wie wir dies schon ofter dargestellt ha- 
ben, im Laufe der nachsten drei Jahrtausende fur eine genugend grofte 
Anzahl von Menschen erneuern wird. Das heiftt, es werden sich bei 
den Menschen solche Fahigkeiten entwickeln, daft sie den Christus auf 
dem astralischen Plan als Athergestalt wahrnehmen werden, wie es bei 
Paulus vor Damaskus der Fall war. Dieses Ereignis des Wahrnehmens 
des Christus durch nach und nach bei den Menschen im Laufe der nach- 
sten drei Jahrtausende sich entwickelnde hohere Fahigkeiten macht 
seinen Anfang in unserem 20. Jahrhundert. Von da ab kommen diese 
Fahigkeiten allmahlich heraus und werden in den nachsten drei Jahr- 



tausenden bei einer geniigend groften Anzahl von Menschen sich aus- 
bilden. Das heiftt, eine geniigend grofte Anzahl von Menschen wird 
wissen durch den Hineinblick in die hoheren Welten, daft der Christus 
eine Realitat ist, daft er lebt, sie werden ihn kennenlernen, wie er jetzt 
lebt. Und sie werden nicht nur die Art kennenlernen, wie er jetzt lebt, 
sondern sie werden sich genau wie Paulus die Uberzeugung verschaf- 
fen, daft er gestorben und auferstanden ist. Aber die Grundlage dazu 
kann nicht gelegt werden in den hoheren Welten, die muft auf dem 
physischen Plan gelegt werden. 

Wenn also heute schon jemand dazu kommt, diese Dinge zu ver- 
stehen und zu begreifen, wie die Entwickelung des Christus selber vor- 
wartsgeht und damit die Entwickelung gewisser menschlicher Fahig- 
keiten, wenn es jemand begreift, dadurch begreift, daft er die Geistes- 
wissenschaft heute versteht, so hindert nichts daran, daft er, wenn er 
durch die Pforte des Todes gegangen ist, an diesem Ereignis teilnimmt, 
wenn es wirklich als ein erstes Hereinleuchten des Christus in die Welt 
des Menschen eintritt. Derjenige also, der heute im physischen Leibe 
sich auf dieses Ereignis vorbereitet, kann es auch erleben in dem Leben 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Diejenigen Menschen 
aber, die sich nicht darauf vorbereiten, die sich in dieser Inkarnation 
kein Verstandnis dafiir erwerben, sie konnen in dem Leben, das sich an 
dieses anschlieftt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, nichts 
wissen von dem, was in bezug auf den Christus von unserem Jahrhun- 
derte ab durch die nachsten drei Jahrtausende geschieht. Sie mtissen 
warten, bis sie wieder inkarniert sind und weiter sich die Vorbereitung 
dazu auf der Erde schaffen. Das also, was als die Ursache aller folgen- 
den Christus-Entwickelung auf der Erde sich abspielen muftte, der Tod 
auf Golgatha und das dadurch Geschaffene, das kann auch nur inner- 
halb des physischen Leibes begriffen werden. Das ist unter alien Tat- 
sachen, die uns wichtig sind fur das hohere Leben, das einzige, was nur 
innerhalb des physischen Leibes begriffen werden kann. Dann wird es 
weiter verarbeitet, wird es weiter ausgebildet in den hoheren Welten. 
Aber begriffen miissen wir es zunachst haben innerhalb des physischen 
Leibes. Gerade wie das Mysterium von Golgatha niemals sich hatte in 
den hoheren Welten abspielen konnen, wie es auch kein Urbild hat in 



den hoheren Welten, sondern ein Ereignis ist, das, weil es den Tod in 
sich schlieftt, abgeschlossen ist innerhalb des physischen Planes, so mulS 
auch das Verstandnis dafiir auf dem physischen Plan erworben werden. 
Ja, es gehort sogar geradezu zu den Aufgaben des Menschen auf der 
Erde, in irgendeiner seiner Inkarnationen sich dieses Verstandnis zu 
erwerben. 

Wir miissen also sagen, damit haben wir auch im Groften etwas ge- 
funden, was sozusagen auf dem physischen Plan uns ein unmittelbar 
Reales, ein unmittelbar Wahrhaftiges zeigt. Was also ist denn real auf 
dem physischen Plan? Real auf dem physischen Plan so, daft wir dabei 
stehenbleiben konnen und sagen: Hier haben wir etwas Wahres! - ist 
der Tod in der Menschenwelt, nicht in den anderen Reichen der Natur. 
Und bei den geschichtlichen Ereignissen, die im Laufe der Erdenent- 
wickelung geschehen, miissen wir, wenn wir diese geschichtlichen 
Ereignisse kennenlernen wollen, von jedem solchen geschichtlichen 
Ereignis zu einem geistigen Urbild gehen - nur nicht bei dem Myste- 
rium von Golgatha. In diesem haben wir etwas, was so, wie es ist, un- 
mittelbar in die Welt des Wahrhaftigen hineingehort. 

Nun ist es aufterordentlich interessant, daft sich gewissermaften auch 
die andere Seite des eben Auseinandergesetzten zeigt. Es ist wirklich 
aufterordentlich bedeutsam, zu sehen, wie dieses Ereignis von Golgatha 
heute als ein reales Ereignis iiberhaupt abgeleugnet wird, wie die Leute, 
wenn wir von aufterer Historie reden, sagen, es laftt sich im Zusammen- 
hange der historischen Tatsachen nicht beweisen. Es gibt nun unter den 
historischen Tatsachen, die wesentlich sind, auch kaum eine, die sich so 
schlecht durch auftere, historisch-realistische Griinde beweisen laftt wie 
das Mysterium von Golgatha. Denken Sie, wie leicht es im Verhaltnis 
dazu ist, in bezug auf die Existenz eines Sokrates oder Plato oder irgend- 
eines griechischen Helden, insofern sie bedeutend sind fur den Fort- 
schritt der Menschheit in der aufteren Welt, mit historischen Griinden 
zu arbeiten; und wie die Menschen bis zu einem gewissen Grade mit 
vollem Recht kommen und sagen: Keine Historie darf behaupten, daft 
ein Jesus von Nazareth gelebt habe! - Auftere historische Widergriinde 
gibt es da nicht. Wie man andere historische Tatsachen behandelt, so 
laftt sich diese nicht behandeln. 



Es ist hochst merkwiirdig: diese auf dem aufteren physischen Plan ge- 
schehene Tatsache hat dies eine gemeinschaftlich mit alien iibersinnlichen 
Tatsachen, die lassen sich auch nicht aufterlich beweisen. Und es sind 
so ziemlich dieselben Leute, welche die ubersinnliche Welt leugnen und 
denen die Moglichkeit fehlt, dieses Ereignis, das gar kein iibersinnliches 
ist, zu erfassen. Man kann es in bezug auf seine Wirkungen darstellen. 
Aber da machen sich die Leute den Gedanken, daft solche Wirkungen 
auch eintreten konnten, ohne daft das reale Ereignis in der Geschichte 
aufgetreten ware, und erklaren sie dann als Folge soziologischer Ver- 
haltnisse. Fur den jedoch, der den inneren Gang des Weltenwerdens 
kennt, ist die Idee, daft Wirkungen wie die des Christentums ohne eine 
dahinterstehende Macht geschehen konnten, ebenso gescheit, wie wenn 
man sagte, daft auf einem Felde Kohlkopfe wachsen konnen, ohne daft 
vorher Samen ausgestreut wird. Ja, wir konnen noch weitergehen und 
sagen, daft fur die, welche an der letzten Ausgestaltung der Evangelien 
beteiligt waren, keine Moglichkeit vorhanden war, das historische 
Ereignis des Mysteriums von Golgatha als historisches Ereignis mit 
historischen Griinden nachzuweisen, denn es ging wirklich ziemlich 
spurlos fur alle auftere Beobachtung voriiber. Wissen Sie, wie die, welche 
an der spateren Ausgestaltung der Evangelien beteiligt waren, sich sel- 
ber von diesen Ereignissen iiberzeugt haben - mit Ausnahme des Schrei- 
bers des Johannes-Evangeliums, der ja der unmittelbare Zeitgenosse 
dieser Ereignisse war? Sie haben sich iiberzeugt, zunachst nicht aus 
historischen Urkunden, denn sie haben ja auch nichts anderes gehabt 
als miindliche Mitteilungen und die Mysterienbiicher - wie diese Ver- 
haltnisse dargestellt sind in dem «Christentum als mystische Tatsache» -, 
aber von dem wirklichen Dasein des Christus Jesus haben sie sich iiber- 
zeugt aus der Sternkonstellation, indem sie noch grofte Kenner waren 
des Zusammenhanges des Makrokosmos mit dem Mikrokosmos. Sie 
haben eine Kenntnis davon gehabt, die man sich heute auch schon be- 
schaffen kann, indem man die Sternkonstellation fur den betreffenden 
Punkt der Weltgeschichte berechnet und sagt: Wenn die Sternkonstel- 
lation so und so ist, so muft Der auf der Erde gelebt haben, welcher 
als der Christus bezeichnet wird. - So haben sich die Schreiber des 
Matthaus-, Markus- und Lukas-Evangeliums von dem geschichtlichen 



Geschehen iiberzeugt. Denn den Inhalt haben sie auf hells eherischem 
Wege gewonnen, aber die Uberzeugung haben sie sich verschafft auf 
eine Weise, wie man sich durch die Konstellationen des Makrokosmos 
eine Uberzeugung davon verschafft, daft auf der Erde dieses oder jenes 
vor sich gehen kann. Daher kann ihnen auch nur Glauben beibringen 
der, welcher so etwas weift. Beweisen die Unrichtigkeit dessen, was da 
vorgebracht wird gegen die Historizitat der Evangelien, ist eine ver- 
gebliche Aufgabe. Wir miissen uns vielmehr als Anthroposophen klar 
sein, daft wir uns auf einen ganz anderen Boden stellen miissen: auf den 
Boden desjenigen, was wir uns nur durch eine Einsicht in die okkulte 
Wissenschaft verschaffen konnen. 

Ich mochte gerade auch hier dieser Anschauung gegeniiber auf etwas 
hinweisen, wodurch ich schon in diesen Tagen an einem anderen Orte 
zu begriinden versuchte, wie man mit richtigen Einwanden, das heiftt 
mit Einwanden, die an sich richtig sind, die Wirklichkeiten nicht treffen 
kann, von denen die Geisteswissenschaft redet, so daft die Menschen 
noch so viel Richtiges sagen konnen, was nach ihrem Wissen richtig ist - 
es widerlegt die Geisteswissenschaft nicht. Ich habe in dem Vortrag: 
«Wie begriindet man Theosophie?» ein Gleichnis gebraucht und habe 
gesagt: Ein kleiner Junge muftte in einem Dorfe immer die Semmeln 
holen zum Fruhstuck seiner Familie. Man bekam nun in jenem Orte 
fur zwei Kreuzer eine Semmel, und er bekam immer zehn Kreuzer mit. 
Nun brachte er - und es sei hierbei bemerkt, daft er kein grofter Arith- 
metikus war - die Anzahl der Semmeln vom Greisler - so nannte man 
dort den Backer - nach Hause und kummerte sich nicht weiter darum. 
Nun wurde aber in die Familie ein Pflegesohn aufgenommen, der jetzt 
anstelle des anderen zum Greisler nach Semmeln geschickt wurde. Da 
der nun ein guter Arithmetikus war, so sagte er sich: Du gehst Semmeln 
holen, zehn Kreuzer hast du mitbekommen, fiir zwei Kreuzer gibt es 
eine Semmel, zehn durch zwei geteilt gibt fiinf : also wirst du fiinf Sem- 
meln nach Hause bringen. Er ging fort, aber er brachte sechs Semmeln 
nach Hause. Da sagte er sich: Das ist falsch, so viel kannst du nicht be- 
kommen, und da deine Rechnung richtig ist, so wirst du morgen schon 
fiinf Semmeln nach Hause bringen. - Am nachsten Tage bekam er 
wieder zehn Kreuzer mit und brachte wieder sechs Semmeln nach 



Hause. Die Rechnung war richtig, nur stimmte sie nicht mit der Wirk- 
lichkeit, denn in der Wirklichkeit war es anders. In der Wirklichkeit 
war es namlich an jenem One iiblich, daft jemand, der fiir zehn Kreu- 
zer Semmeln kaufte, auf fiinf eine drauf bekam, also statt fiinf sechs. Der 
Einwand des Knaben war also richtig - nur stimmte er nicht mit der 
Wirklichkeit. 

So konnen die scharfsinnigst ausgedachten Einwande gegen die 
Geisteswissenschaft alle stimmen, brauchen aber nichts zu tun zu haben 
mit der Realitat, denn die Realitat kann auf ganz anderen Untergriinden 
fuften. Es ist dieses angefuhrte Beispiel ganz prachtig, um sich klarzu- 
machen, auch erkenntnistheoretisch, die Beziehung zwischen dem, was 
in der Berechnung richtig ist, und dem, was in dem Wahrhaftigen wahr 
ist. 

Damit haben wir in unseren Bemiihungen, die Welt der Maja zu- 
ruckzufuhren auf das Wahrhaftige - wobei sich uns gezeigt hat, daft 
alles Feuer Opfer ist, alles Luftartige stromende, spendende oder schen- 
kende Tugend, und alles Fliissige Verzichtleistung, Resignation -, heute 
zu diesen drei Wahrheiten diejenige hinzugefugt, daft das wahre Wesen 
der Erde oder des Festen der Tod ist, das Abgeschniirtsein von seinem 
Weltensinn bei irgendeiner Substantialitat. Dadurch aber, daft diese Ab- 
geschniirtheit eintritt, tritt der Tod selber als ein Wahrhaftiges herein 
in die Welt der Maja oder der Illusion. Die Gotter selbst konnten den 
Tod nicht einmal kennenlernen, wenn sie nicht in irgendeiner Weise 
herunterstiegen in die physische Welt, um den Tod in der physischen 
Welt, in der Welt der Maja oder der Illusion, in seiner Wahrheit zu be- 
greifen. 

Das ist es, was wir heute hinzufugen wollen zu den Begriffen, die 
wir schon aufgenommen haben. Noch einmal sei es bemerkt, daft wir 
zur Klarheit iiber diese Begriffe, die uns aber notwendig sein werden zu 
einem griindlichen Eingehen auf so mancherlei im Markus-Evange- 
lium, nur kommen konnen durch sorgfaltige Meditation, und indem 
wir es ofter und ofter vor die Seele ziehen lassen. Denn das Markus- 
Evangelium ist nur zu begreifen, wenn man die allerbedeutsamsten 
Weltbegriffe dem zugrunde legt. 



Hinweise des Herausgebers 



Personenregister 

Rudolf Steiner iiber 
die Vortragsnachschriften 

Ubersicht iiber die 
Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



HINWEISE 



Zu dieser Ausgabe 

Nach langerer Abwesenheit von Berlin nimmt Rudolf Steiner im Oktober 
1911 die Arbeit im Berliner Zweig wieder auf. Nach einem einleitenden 
Vortrag am 23. Oktober 1911 spricht er in den folgenden Wochen jeweils 
dienstags iiber innere Aspekte der friiheren planetarischen Entwicklungszu- 
stande unserer Erde. Inhaltlich schlieften diese Vortrage an die im Jahr zuvor 
erschienene «Geheimwissenschaft» an, doch waren sie an solche Zuhorer 
gerichtet, die sich schon langere Zeit mit geisteswissenschaftlichen Fragen 
auseinandergesetzt hatten. 

Textgrundlagen: Die von Rudolf Steiner frei gehaltenen Vortrage wurden 
von mehreren Zuhorern mitgeschrieben und von ihnen in einen lesbaren 
Maschinenschrifttext iibertragen. Die Mitschreibenden hatten sehr unter- 
schiedliche stenografische Kenntnisse, weshalb die Nachschriften eine An- 
zahl von Differenzen aufweisen. Es liegen drei solcher Nachschriften vor, zu 
denen jedoch die Originalstenogramme fehlen. Die ausfiihrlichste stammt 
von Walter Vegelahn, der zum Mitschreiben der Vortrage von Marie Steiner- 
von Sivers ausdrticklich beauftragt war. Die zweite, sehr gute Nachschrift, 
die dem Archiv erst in den siebziger Jahren zuganglich geworden ist, ist von 
Clara Michels. Eine dritte, mehr referatartige Fassung wurde von Tatjana 
Bergengriin erstellt. 

Dem gedruckten Text liegt die Nachschrift von Walter Vegelahn zugrun- 
de. Fiir die 5. Auflage (1979) wurden auch die Nachschriften von Clara 
Michels zugezogen, woraus sich eine Anzahl Korrekturen und Erganzungen 
ergaben. Eine Darstellung der Textprobleme mit einem Verzeichnis der 
voneinander abweichenden Formulierungen ist erschienen in einem Aufsatz 
von Caroline Wispier in «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe» Nr. 
67/68, Seite 58ff. 

Die beiden ersten Auflagen (1916 und 1932) sind von Marie Steiner heraus- 
gegeben worden, die 3. (1958) von Ruth Moering, die 4. (1969) von Johann 
Waeger. Eine Neubearbeitung erfolgte im Jahr 1979 durch Caroline Wispier. 
Fiir die 7. Auflage (1999) wurden dem Band durch Anna Maria Balaster 
ein ausfuhrlicheres Inhaltverzeichnis sowie einige erganzende Hinweise bei- 
gefiigt. 

Titel des Bandes: Die Vortrage wurden mit dem Titel «Die Evolution vom 
Gesichtspunkte des Wahrhaftigen» erstmals im Jahr 1916 als Manuskript- 
druck fiir Mitglieder veroffentlicht. Dieser Titel entspricht Formulierungen 
des Vortragstextes und ist wahrscheinlich von Rudolf Steiner selbst oder 
zumindest mit seinem Einverstandnis gewahlt worden. 



Z« den Worten «Theosophie» und «theosophisch»: Da diese Vortrage aus der 
Zeit stammen, in der Rudolf Steiner noch innerhalb der Theosophischen 
Gesellschaft wirkte, gebrauchte er zumeist die Ausdriicke «Theosophie» und 
«theosophisch». Auf Grund einer spateren Angabe von ihm wurden diese in 
«Anthroposophie» oder «Geisteswissenschaft», bzw. «anthroposophisch» 
oder «geisteswissenschaftlich» abgeandert. 



Hinweise zum Text 

Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen 
mit der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des 
Bandes. 

zu Seite 

9 Betrachtungen, welche wir im vorigen Jahr ... gepflogen haben: Bezieht sich 
hauptsachlich auf die zehn Vortrage in Berlin «Exkurse in das Gebiet des 
Markus-Evangeliums» vom 17. Oktober 1910 bis 10. Juni 1911; GA 124. 

Rudolf Steiner, «Die Geheimwissenschaft im Umrifi» (1910), GA 13. 

11 «Seelenlehre ohne Seele»: Der Ausdruck wurde gepragt von Friedrich Albert 
Lange. Siehe «Geschichte des Materialismus», 2 Bde., Univ-Bibl. Leipzig o.J., 
2. Bd., S. 474. 

Wilhelm Wundt, 1832-1920, Arzt, Psychologe und Philosoph; griindete das er- 
ste Institut fur experimentelle Psychologie in Leipzig. 

12 Sie ist ihm durch den Hiiter der Schwelle zugedeckt: Siehe dazu die Ausfiihrun- 
gen Rudolf Steiners in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» 
(1904), GA 10. 

13 Karl Rosenkranz, 1805-1879, Philosoph. Siehe «Aus einem Tagebuch», Leipzig 
1854, S. 24 f.: «Die zerschmetterndste Vorstellung, die ich kaum auszudenken 
wage und kaum auszudriicken vermag, ist die, daft iiberhaupt etwas ist. Es gahnt 
mich aus diesem Gedanken der absolute, der gestaltenleere Abgrund der Welt 
an. Es wispert mir zu, wie der Verrat des Gottes. Es ergreift mich ein Bangen, 
wie in meiner Kindheit, wenn ich die Offenbarung Johannis las und Himmel 
und Erde darin zusammenbrachen ...» 

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1770 -1831. 

21 Albert Schwegler, 1819-1857, Philosoph und Altphilologe. Siehe «Geschichte 
der Philosophic im Umrifi», Stuttgart 1848; neue Ausgabe, durchgesehen und 
erganzt von J. Stern, Univ.-Bibl. Leipzig o. J. 

22 Jakob Bbhme, 1575-1624. 

Theophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim, 1493-1541; siehe Rudolf 
Steiner, «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr 
Verhaltnis zur modernen Weltanschauung* (1901), GA 7. 



37 Dionysius der Areopagite, ein Mitglied des Athenischen Areopags, der von 
Paulus zum Christentum bekehrt wurde (Apostelgeschichte 17,34). Um 500 
erschien in Syrien unter seinem Namen unter anderem die Schrift, auf die hier 
Bezug genommen wird: «Von der himmlischen Hierarchie», in «Dionysios 
Areopagita, Die Hierarchie der Engel und der Kirche», Miinchen 1955. - In 
bezug auf die Frage der Echtheit dieser Schriften siehe Rudolf Steiner, «Das 
Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums» (1902), 
GA 8, 1976, S. 154. 

39 «Dies tut zu meinem Angedenken!»: Lukas 22,19. 

45 Wir haben wiederholt aufmerksam gemacht auf solcbe Vorgange: Zum Beispiel 
im Vortrag vom 8. August 1908, in GA 105. 

53 Ich mocbte dabei erinnern an jenen spaniscben Konig: Konig Alfons X. von 
Kastilien (1223-1284), der mit dem Beinamen «der weise, der Astronom» belegt 
wurde. Er hatte ein Kollegium von 50 arabischen, jiidischen und christlichen 
Astronomen gebildet, welches 1252 die sogenannten «Alfonsinischen Tafeln» 
herausbrachte. Der Ausspruch: «Wenn Gott mich bei Erschaffung der Welt zu 
Rate gezogen hatte, so hatte ich es einfacher gemacht» ist wiedergeben in Gott- 
fried Wilhelm von Leibniz «Theodicee», 193 §, Hannover/Leipzig 1744. 

55 «K6nnte ich nicht ein ganzes Heer ...»: Matthaus 26,53. 

55 Einmal babe ich gesagt ... Abraham: Im Vortrag vom 14. November 1909, in 
GA 117. 

56 «Wer mit mir den Bissen ...»: Johannes 13,26; Matthaus 26,23. 

58 die rieseln als Mondenmassen: Es ist moglich, dafi «Mondenwasser» gesagt wur- 
de und das Wort «-massen» (bei «Wolkenmassen») im Horen und Schreiben 
nachwirkte. 

61 im offentlichen Vortrage: Am 23. November 1911 in Berlin: «Die verborgenen 
Tiefen des Seelenlebens», abgedruckt in «Menschengeschichte im Lichte der 
Geistesforschung» (1911/12), GA 61. 

62 «Nur wer die Sehnsucht kennt ...»: Lied der Mignon in Goethes « Wilhelm 
Meister». 

72 Heinrich von Kleist, 1777-1811. Das Zitat stammt aus dem Brief vom 31. August 
1806, «Kleists Samtliche Werke», hg. von Erich Schmidt, Band V, Leipzig und 
Wien 1905, S. 326f. - «Penthesilea», ein Trauerspiel, Tubingen 1808; «Das 
Kathchen von Heilbronn oder die Feuerprobe», ein grofies historisches Ritter- 
schauspiel, Berlin 1810; «Prinz Friedrich von Homburg», ein Schauspiel, hg. von 
Ludwig Tieck, Berlin 1821. 

73 Rudolf Steiner, «Die geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit» 
(1911), GA 15. 

78 Alle Philosophie ... gehe aus von dem Staunen: Siehe Plato, Theatet 155 c: 
«... gerade den Philosophen kennzeichnet diese Gemiitsverfassung, das Staunen. 
Denn diese, und nichts anderes, ist der Anfang der Philosophie. » - Vgl. auch 
Aristoteles, Metaphysik 982 b: «Wegen des Staunens begannen die Menschen, 
jetzt wie anfangs, zu philosophieren.» 



87 Vortrag iiber das Wesen der Pflanzen: Am 8. Dezember in Berlin: «Der Geist im 
Pflanzenreich», in «Antworten der Geisteswissenschaft auf die grofien Fragen 
des Daseins» (15 Vortrage Berlin 1910/11), GA 60. 

89 Ereignis von Damaskus: Apostelgeschichte 9. 

wie wir dies schon ofter dargestellt haben: Siehe Rudolf Steiner, «Das Ereignis 
der Christus-Erscheinung in der atherischen Welt» (16 Einzelvortrage an versch. 
Orten 1910), GA 118. 

92 Rudolf Steiner, «Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des 
Altertums* (1902), GA 8. 

93 in dem Vortrag «Wie begriindet man Theosophief»: Am 29. November 1911 in 
Stuttgart; von diesem Vortrag ist nur eine ungemigende Nachschrift vorhanden, 
die nicht gedruckt ist. - Entsprechende Vortrage, die jedoch dieses Beispiel nicht 
wieder aufgreifen, wurden gehalten in Berlin am 31. Oktober und 7. November 
1912; abgedruckt in «Ergebnisse der Geistesforschung» (14 Vortrage 1912/13), 
GA 62. - Das Gleichnis vom Kauf der Semmeln wird von Rudolf Steiner am 27. 
Dezember 1911 wieder aufgenommen und dort zum Ausgangspunkt des Vor- 
tragszyklus «Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes» (6 Vortrage Hanno- 
ver 1911/12), GA 134. 

94 zu einem griindlichen Eingehen auf so mancherlei im Markus-Evangelmm: Die- 
se Vortrage wurden nicht in Berlin, sondern in Basel vom 15. bis 24. September 
1912 gehalten. Siehe «Das Markus-Evangelium», GA 139. 



PERSONENREGISTER 

* = ohne Nennung im Text 



Bohme, Jakob 22 
Dionysius Areopagita 37 
Goethe, Johann Wolfgang von 62* 
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 
13, 22 

Kleist, Heinrich von 72, 73ff. 
Leonardo da Vinci 38, 39, 55ff. 
Paracelsus, Theophrastus Bomba- 

stus 22 
Paulus, Apostel 37, 89, 90 
Plato 91 

Rosenkranz, Karl 13, 14 
Schwegler, Albert 21, 22 
Sokrates 91 
Vogel, Henriette 73 
Wundt, Wilhelm 11 



Steiner, Rudolf 
Schriften: 

- Das Christentum als mystische Tat- 
sache ... (GA 8) 92 

- Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Welten? (GA 10) 15 

- Die geistige Fiihrung des Menschen 
... (GA 15) 73 

Vortrage: 

- 23. 11. 1911 (in GA 61) 61 

- 29. 11. 1911 (nicht veroffentlicht) 

- 8. 12. 1911 (in GA 60) 87 



UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN 



Aus Rudolf Steiners Autobiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925) 

Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergeb- 
nisse vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zwei- 
tens eine grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck ge- 
dacht und verkauflich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater 
Anthroposophischen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nach- 
schriften, die bei den Vortragen mehr oder weniger gut gemacht 
worden sind und die - wegen mangelnder Zeit - nicht von mir kor- 
rigiert werden konnten. Mir ware es am liebsten gewesen, wenn 
miindlich gesprochenes Wort miindlich gesprochenes Wort geblieben 
ware. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck der Kurse. Und so 
kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, die Dinge zu korrigieren, so 
hatte vom Anfange an die Einschrankung «Nur fur Mitglieder» nicht 
zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem Jahre ja fallen 
gelassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, 
wie sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privat- 
drucke in das einfiigen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen 
der Anthroposophie vor das Bewulksein der gegenwartigen Zeit ver- 
folgen will, der mufi das an Hand der allgemein veroffentlichten 
Schriften tun. In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, 
was an Erkenntnisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, 
was sich mir in «geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum 
Gebaude der Anthroposophie - allerdings in vieler Hinsicht in un- 
vollkommener Art - wurde. 

Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und 
dabei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus 
der Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben 
hat, trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was 
aus der Mitgliedschaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehn- 
sucht sich offenbarte. 

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien 
und den Schrift-Inhalt der Bibel iiberhaupt in dem Lichte dargestellt 
zu horen, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man 



wollte in Kursen iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarun- 
gen horen. 

Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten 
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur 
Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposo- 
phie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorge- 
schrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser 
internen Vortrage war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein 
konnte, die ganz fur die Offentlichkeit bestiramt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, 
die ich fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an 
bestimmt gewesen waren, hatte anders gestalten miissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schrif- 
ten, in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden 
stammt. Die ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was 
in mir rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die 
Gesellschaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der 
Mitgliedschaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was 
ich da hore, entsteht die Haltung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was 
nicht reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. 
Von irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen 
der Mitgliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke 
liest, kann sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthropo- 
sophie zu sagen hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die 
Anklagen nach dieser Richtung zu drangend wurden, von der Ein- 
richtung abgegangen werden, diese Drucke nur im Kreise der Mit- 
gliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hingenommen werden 
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Feh- 
lerhaftes findet. 

Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja al- 
lerdings nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was 
als Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die al- 
lermeisten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkennt- 
nis des Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthro- 
posophie dargestellt wird, und dessen, was als «anthroposophische 
Geschichte» in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.